Die Titanen (Titanlar) waren die Götter, die unter Kronos herrschten, bevor Zeus und die olympischen Götter die Macht übernahmen. In Hesiods (Hesiodos) Theogonie waren die ursprünglichen zwölf Titanen Kinder von Gaia, der Erde, und Uranos (Uranüs), dem Himmel. Ihre Niederlage in der zehnjährigen Titanomachie beendete ihre Herrschaft.
Ein verschluckter Stein, ein verstecktes Kind und ein Kampf zwischen Bergstützpunkten verbinden die Generationen dieser Götterfamilie. Wenn du diesen Verbindungen folgst, kannst du Titanen von Giganten (Gigantlar) unterscheiden. Du verstehst dann auch, warum dieser Unterschied in Pergamon (Bergama) wichtig ist. Die Geschichte erklärt außerdem, wie der griechische Glaube familiäre Abstammung mit der Ordnung des Kosmos verknüpfte.
Wer waren die Titanen, und wie beschrieb Hesiod ihre Abstammung?
Hesiod nennt sechs männliche Titanen: Okeanos, Koios, Krios, Hyperion, Iapetos und Kronos. Dazu kommen sechs Titaninnen: Theia, Rhea, Themis, Mnemosyne, Phoibe und Tethys. Diese zwölf bilden in seiner Darstellung die ursprüngliche Titanengeneration.
Ihre Eltern geben dieser Abstammung einen kosmischen Rahmen. Gaia verkörpert die Erde, Uranos den Himmel. Ihre Kinder gehören damit zu einer Familie, deren Mitglieder auch die physische Welt selbst umfassen. Der Stammbaum verbindet göttliche Persönlichkeiten mit dem Aufbau des Universums.
Die Titanen sind bei Hesiod nicht die ersten Wesen. Die Verse 116–138 führen Chaos, Gaia, Tartaros und Eros vor der Geburt der zwölf Titanen ein. Die Bezeichnung „Götter vor Zeus“ beschreibt ihren Platz in der Abfolge der Götterherrschaften. Hesiods Erzählung beginnt schon vor ihrer Generation.
Die Bezeichnung Titan kann auch über die ursprünglichen zwölf hinausreichen. Prometheus, Atlas, Helios und Leto gehören späteren Generationen an, werden in manchen Darstellungen aber ebenfalls so bezeichnet. Wenn dir der Name eines Titanen begegnet, kann damit also ein ursprüngliches Kind von Gaia und Uranos oder ein späteres Familienmitglied gemeint sein.
Wie wurde der Machtkampf zwischen Kronos und Zeus erzählt?
Der Machtkampf beginnt mit Kronos’ eigenem Angriff auf seinen Vater. In den Versen 173–182 der Theogonie kastriert Kronos Uranos mit einer gezahnten Sichel, die Gaia vorbereitet hat.
Die Kinder von Kronos und Rhea sind Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon und Zeus. Hesiod zählt sie in den Versen 453–458 auf. Gaia und Uranos warnen Kronos, dass eines seiner Kinder ihn besiegen wird. Daraufhin verschlingt er die Kinder, die vor Zeus geboren werden.
Zeus entgeht diesem Schicksal durch ein Versteck und einen Austausch. Hesiod nennt bei der Schilderung seines Verstecks Lyktos auf Kreta (Girit) und eine Höhle am bewaldeten Berg Aigaion. Statt des neugeborenen Zeus erhält Kronos einen großen, in Windeln gewickelten Stein. Er verschlingt ihn.
Der Stein macht die Täuschung greifbar. Ein wie ein Baby eingewickelter Gegenstand lässt Zeus genau jene Handlung überleben, die seinen Aufstieg verhindern soll. Als Kronos später überwältigt wird, würgt er die verschlungenen Kinder und den nach ihnen verschluckten Stein wieder hoch. Hesiod beschreibt diese Umkehr in den Versen 492–500.
Der Konflikt weitet sich dann zur Titanomachie aus, dem Krieg zwischen den Titanen und der Partei des Zeus. Nach der Überlieferung dauert er zehn Jahre. Die gegnerischen Lager haben ihre Stützpunkte auf Bergen: Die Titanen halten den Othrys, ihre Gegner den Olymp (Olimpos).
Zeus’ Waffen und Verbündete erklären den Ausgang des Kampfes mit. Die Kyklopen Brontes, Steropes und Arges liefern ihm Donner und Blitz als Waffen. Auch Kottos, Briareos und Gyes kämpfen an seiner Seite. Jeder dieser drei Brüder hat hundert Hände und fünfzig Köpfe.
Hesiod beendet den Kampf mit der Gefangenschaft der besiegten Titanen im Tartaros. Die hundertarmigen Brüder werden ihre Wächter. Ihre Stärke erfüllt in der Erzählung damit zwei Aufgaben: Sie hilft, den Krieg zu gewinnen, und sichert anschließend die Ordnung, die den besiegten Göttern auferlegt wird.
Was unterscheidet Titanen von Giganten und olympischen Göttern?
Titanen und Giganten haben bei Hesiod unterschiedliche Ursprünge. Die ursprünglichen Titanen sind die zwölf Kinder von Gaia und Uranos. Die Giganten entstehen aus Blutstropfen des Uranos, die nach Kronos’ Angriff auf Gaia fallen. Ihre Geburten gehören zu miteinander verbundenen Ereignissen. Dennoch bilden sie getrennte Gruppen.
Die olympischen Götter gehören zu jener göttlichen Ordnung, die die Titanenherrschaft ablöst. Zeus selbst ist ein Kind von Kronos und Rhea. Beide gehören zur ursprünglichen Titanengeneration. Der Herrschaftswechsel findet also innerhalb der Götterfamilie statt. Der neue Herrscher stammt von jener Generation ab, deren Macht er bricht.
Dieser Unterschied ist wichtig, wenn du den Großen Altar von Pergamon betrachtest. Nach Angaben des Metropolitan Museum of Art zeigt sein äußerer Fries die Gigantomachie: Die von Zeus angeführten Götter kämpfen gegen die Giganten. Dargestellt ist nicht die Titanomachie. Eine Szene mit kämpfenden Göttern allein verrät noch nicht, welcher Krieg gemeint ist.
Auch die Abstammung von Titanen bedeutet nicht automatisch, dass jemand gegen Zeus kämpft. Styx, eine Tochter des Okeanos, schließt sich mit ihren vier Kindern Zeus an. Ihre Entscheidung zeigt, dass familiäre Abstammung und Loyalität im Krieg nicht genau denselben Grenzen folgen.
Was verraten diese Geschichten über die antiken griechischen Vorstellungen von kosmischer und göttlicher Ordnung?
In ihrem 2003 erschienenen Buch Hesiod’s Cosmos deutet Jenny Strauss Clay die Theogonie als Darstellung eines Weges: Göttliche Stammbäume führen zu einem stabilen Kosmos unter Zeus. Familienbeziehungen ordnen den Verlauf der Erzählung von den frühen Wesen über die aufeinanderfolgenden Machtkämpfe hinweg.
Clay erklärt außerdem, dass Hesiods unsterbliche Familie sowohl Naturelemente als auch abstrakte Begriffe umfasst. Sonne und Mond stehen im selben genealogischen Gefüge wie Tod, Streit und Gerechtigkeit. Der Stammbaum verbindet dadurch die sichtbare Welt mit Kräften, die das Dasein und das Verhalten prägen.
Denk zum Vergleich daran, wie du mit einem Stammbaum Beziehungen über mehrere Generationen hinweg nachvollziehst. Hesiods Abstammungsgeschichte übernimmt diese ordnende Aufgabe im kosmischen Maßstab. Gaia und Uranos verbinden Erde und Himmel mit ihren Nachkommen. Kronos und Zeus verknüpfen Elternschaft mit der Weitergabe von Herrschaft.
Zur neuen Ordnung gehören auch Vorrechte. Das zeigt die Geschichte der Styx. Nachdem sie sich mit ihren vier Kindern Zeus angeschlossen hat, erhält sie die besondere Stellung, göttliche Eide zu verbürgen. Die Ordnung unter Zeus umfasst damit die Zuweisung anerkannter Aufgaben ebenso wie die Gefangenschaft besiegter Gegner.
Hesiods Anordnung war nicht die einzige Überlieferung über die Anfänge der Götter. Clay versteht den Verweis auf Okeanos und Tethys in der Ilias 14.201 als Beleg für eine andere Überlieferung über die ersten Eltern. Dieser Vergleich ordnet Hesiods Titanenstammbaum in ein breiteres Feld griechischer Ursprungserzählungen ein.
Zeitleiste
Die göttlichen Ereignisse gehören zur mythischen Zeit. Ihnen lassen sich keine historischen Jahreszahlen zuweisen. Die folgende Abfolge orientiert sich an der dargestellten Reihenfolge der Wesen und Herrscher. Der letzte Eintrag datiert eine moderne Deutung.
- Mythische Zeit — Anfänge: Chaos, Gaia, Tartaros und Eros erscheinen bei Hesiod vor den zwölf Titanen.
- Mythische Zeit — Geburt der Titanen: Gaia und Uranos bringen sechs männliche und sechs weibliche Titanen hervor.
- Mythische Zeit — Aufstieg des Kronos: Kronos kastriert Uranos mit einer gezahnten Sichel, die Gaia vorbereitet hat.
- Mythische Zeit — Rettung des Zeus: Zeus wird auf Kreta versteckt. Kronos verschlingt an seiner Stelle einen eingewickelten Stein.
- Mythische Zeit — Titanomachie: Die Partei des Zeus gewinnt den zehnjährigen Krieg. Die besiegten Titanen werden im Tartaros gefangen gehalten.
- 2003: Jenny Strauss Clays Hesiod’s Cosmos erscheint.
Details, die du nicht in Reiseführern findest
Der von Kronos verschluckte Stein erhält nach seiner Bergung eine weitere Aufgabe. Zeus stellt ihn in Pytho, also Delphi (Delfi), unterhalb des Parnass (Parnassos) auf. Hesiod beschreibt ihn als Zeichen, das die Menschen sehen sollen. Der Gegenstand, der das versteckte Kind schützte, wird zur sichtbaren Erinnerung an den Herrschaftswechsel.
Den Angriff der hundertarmigen Brüder beschreibt Hesiod mit einer genauen Zahl. In den Versen 713–719 schleudern die drei Brüder dreihundert Felsbrocken auf die Titanen. Ihre außergewöhnlichen Körper werden in der Kampferzählung zu einer praktisch nutzbaren Kraftquelle.
Auch die Tiefe des Tartaros veranschaulicht Hesiod durch einen körperlichen Vergleich. Ein bronzener Amboss würde von der Erde aus neun Tage und Nächte fallen und am zehnten Tag ankommen. Dieser vorgestellte Fall drückt die Entfernung aus, die die besiegten Titanen von der Welt über ihnen trennt.
Atlas trägt in den Versen 517–520 der Theogonie den weiten Himmel. Seine Last ist nicht die Erde. Dieser Unterschied ist wichtig, wenn du dir seinen Platz in der Götterfamilie vorstellst: Der Text weist ihm das Gewicht des Himmels zu.
Nicht in jeder Überlieferung bleibt die Gefangenschaft der endgültige Zustand. Die Sammlung von Theoi enthält mit Pindar (Pindaros) und Aischylos (Aiskhylos) verbundene Berichte, in denen Kronos und die Titanen später freigelassen werden. Diese Darstellungen geben der besiegten Generation ein weiteres Kapitel nach ihrer Gefangenschaft.
FAQ
Wer waren die Eltern der Titanen?
In Hesiods Theogonie sind Gaia und Uranos die Eltern der ursprünglichen zwölf Titanen. Gaia verkörpert die Erde, Uranos den Himmel.
Warum verschlang Kronos seine Kinder?
Gaia und Uranos warnten ihn, dass sein eigenes Kind ihn besiegen würde. Kronos verschlang die vor Zeus geborenen Kinder, um das zu verhindern.
Waren Titanen und Giganten dasselbe?
Nein. Hesiod beschreibt unterschiedliche Geburten. Die Titanen sind Kinder von Gaia und Uranos. Die Giganten entstehen aus dem Blut des Uranos, das auf Gaia fällt.
Was geschah mit den besiegten Titanen?
Bei Hesiod werden sie im Tartaros gefangen gehalten und von den hundertarmigen Brüdern bewacht. Mit Pindar und Aischylos verbundene Überlieferungen berichten auch von ihrer späteren Freilassung.
Quellen
- Wikipedia — Titan tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Titanen en.wikipedia.org
- Hesiod — Theogonie, Textausgabe von Theoi theoi.com
- Hesiod — Theogonie, Harvard Center for Hellenic Studies chs.harvard.edu
- Wikipedia — Berg Othrys en.wikipedia.org
- Theoi — Titanen theoi.com
- The Metropolitan Museum of Art — Der Große Altar von Pergamon metmuseum.org
- Jenny Strauss Clay — Hesiod’s Cosmos, Cambridge University Press assets.cambridge.org
FAQ
Wer waren die Eltern der Titanen?
In Hesiods Theogonie waren die ursprünglichen zwölf Titanen Kinder von Gaia, die die Erde verkörpert, und Uranos, der den Himmel verkörpert.
Warum verschlang Kronos seine Kinder?
Gaia und Uranos sagten Kronos voraus, dass sein eigenes Kind ihn besiegen würde. Er verschlang die vor Zeus geborenen Kinder, um das zu verhindern.
Waren Titanen und Giganten dasselbe?
Nein. Hesiod beschreibt unterschiedliche Ursprünge. Die ursprünglichen Titanen waren Kinder von Gaia und Uranos. Die Giganten entstanden dagegen aus dem Blut des Uranos, das auf Gaia fiel.
Was geschah mit den besiegten Titanen?
Hesiod beschreibt ihre Gefangenschaft im Tartaros, bewacht von den hundertarmigen Brüdern. Mit Pindar und Aischylos verbundene Überlieferungen berichten auch von ihrer späteren Freilassung.
Image: Titan-crystal bar.JPG — Alchemist-hp (pse-mendelejew.de), CC BY-SA 3.0






