Caracalla war ein römischer Kaiser aus der Dynastie der Severer. Mit der Constitutio Antoniniana verlieh er fast allen freien Bewohnern des Reiches das römische Bürgerrecht. Das Edikt wird gewöhnlich auf 212 datiert. Darin dankte er den unsterblichen Göttern. Andere Erklärungen verbinden die Verleihung mit Steuereinnahmen und der Festigung seiner Herrschaft nach der Ermordung seines Bruders Geta. Keines dieser Motive darf als abschließend geklärte Erklärung gelten.
Die Verleihung des Bürgerrechts folgte auf einen Mord in der Kaiserfamilie. Ihre Auswirkungen erreichten jedoch Millionen Menschen in Europa, Afrika und Asien. Wenn du Caracallas Weg von der gemeinsamen Herrschaft mit Geta bis zu seinem Tod zwischen dem heutigen Şanlıurfa und Harran verfolgst, erkennst du die Zusammenhänge zwischen Bürgerrecht, militärischer Unterstützung und kaiserlicher Macht deutlicher. Der erhaltene Papyrus hilft außerdem, die öffentlich erklärte Absicht des Kaisers von den ihm zugeschriebenen Motiven zu unterscheiden.
Wer war Caracalla vor dem Bürgerrechtsedikt?
Caracalla wurde als Lucius Septimius Bassianus in Lugdunum, dem heutigen Lyon, in Gallien geboren. Er war der ältere Sohn von Septimius Severus und Julia Domna. Seine Geburt wird zwischen 186 und 188 angesetzt. Die Quellen nennen unterschiedliche Jahre. 198 wurde er Mitkaiser seines Vaters.
Als Septimius Severus 211 in York starb, regierten seine Söhne zunächst gemeinsam weiter. Ihre gemeinsame Herrschaft endete im Dezember desselben Jahres. Geta wurde getötet, und Caracalla wurde Alleinherrscher.
Wie beendete Caracalla die gemeinsame Herrschaft mit Geta?
Julia Domna organisierte im Dezember 211 ein Versöhnungstreffen zwischen ihren Söhnen. Bei diesem Treffen töteten Caracalla ergebene Wachen Geta. Damit lag die Herrschaft allein bei Caracalla. Das Vorgehen gegen die Machtstellung seines Bruders ging jedoch weiter.
Getas Anhänger wurden Opfer einer Säuberung. Auch sein Name und seine Bildnisse waren betroffen. Dieses Vorgehen ist als damnatio memoriae bekannt. Sein Name wurde aus Inschriften und Papyri getilgt, seine Darstellungen wurden angegriffen. Die Unterdrückung richtete sich damit sowohl gegen Menschen aus Getas Umfeld als auch gegen die Zeugnisse, die die Erinnerung an ihn bewahren konnten.
Caracalla behauptete, Geta habe gegen ihn ein Komplott geschmiedet. Diese Behauptung muss als seine Darstellung kenntlich bleiben. Die Universität Gießen behandelt sie als parteiische Schilderung der tödlichen Rivalität zwischen den Brüdern. Sie gilt dort nicht als unabhängig gesicherte Erklärung. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die Verleihung des Bürgerrechts auf diesen Kampf um die Alleinherrschaft folgte.
Für wen galt die Constitutio Antoniniana von 212?
Die Constitutio Antoniniana verlieh fast allen freien Bewohnern des Reiches das römische Bürgerrecht. Freie Frauen waren eingeschlossen. Versklavte Menschen wurden durch die Maßnahme nicht freigelassen. Die große Reichweite hatte somit eine klare Grenze: Das Bürgerrecht wurde innerhalb der freien Bevölkerung ausgeweitet.
Nach der üblichen Auslegung blieb eine als dediticii bezeichnete Gruppe ausgeschlossen. Wer genau zu ihr gehörte, ist weiterhin unklar. Lies die Formulierung „fast alle freien Bewohner“ deshalb aufmerksam. Sie beschreibt den Umfang der Verleihung, ohne die umstrittene Ausnahme als vollständig geklärt erscheinen zu lassen.
Vor 212 erhielten häufig ausgewählte Gruppen das Bürgerrecht. Dazu gehörten die Eliten der Provinzen und Veteranen. Caracalla veränderte den Umfang dieser Praxis. Millionen Menschen in Europa, Afrika und Asien erhielten einen gemeinsamen Bürgerstatus. Zugleich durften örtliche Rechtstraditionen fortbestehen.
Das Edikt wird gewöhnlich auf 212 datiert. Sein genauer Veröffentlichungstag lässt sich aus dem nur teilweise erhaltenen Papyrus nicht ermitteln. Eine Amnestie auf demselben Blatt trägt das Datum 11. Juli 212. Dieses Datum lässt sich jedoch nicht automatisch auf die Verleihung des Bürgerrechts übertragen.
Wie hing das Edikt mit Steuern, Recht und gesellschaftlicher Integration zusammen?
Der erhaltene Text nennt eine religiöse Erklärung. Caracalla stellt die Verleihung als Dank an die unsterblichen Götter dar. Sie hätten ihn aus einer großen Gefahr gerettet. Außerdem beschreibt er die Aufnahme der neuen Bürger in diese religiöse Gemeinschaft. Das ist die Begründung, die der Kaiser selbst öffentlich für die Maßnahme angab.
Eine politische Deutung verbindet die Verleihung mit Getas Tod. Die Universität Gießen erläutert, dass die Schaffung neuer Bürger dazu beigetragen haben könnte, diese an Caracalla zu binden und seine Autorität zu festigen. Das bleibt eine Interpretation des Zwecks der Verleihung. Sie ordnet die Maßnahme in den Machtkampf ein, der ihn zum Alleinherrscher gemacht hatte.
Cassius Dio bietet eine andere Erklärung. Er führt die Ausweitung vor allem auf den Wunsch zurück, die Zahl der Steuerpflichtigen zu erhöhen. Gemeint sind Steuern auf Erbschaften und die Freilassung versklavter Menschen. Caracalla erhöhte die Erbschaftsteuer von 5 Prozent auf 10 Prozent und hob einige Befreiungen auf. Neben seinen rechtlichen Folgen konnte das Bürgerrecht daher auch finanzielle Pflichten mit sich bringen.
Gegen diese steuerliche Erklärung gibt es einen Einwand. Der von der Universität Grenoble Alpes veröffentlichte Kommentar verweist darauf, dass die Kopfsteuer nach dem Edikt aus den ägyptischen Aufzeichnungen nahezu verschwindet. Nach seiner Argumentation konnten zusätzliche Einnahmen aus Erbschaft- und Freilassungssteuern diesen Verlust wahrscheinlich nicht ausgleichen. Dios Erklärung sollte deshalb als antike Behauptung behandelt werden, nicht als abschließende Antwort.
Für den Alltag kannst du an Verträge, Eheschließungen und Erbschaften denken. Das römische Bürgerrecht beeinflusste, wie neue Bürger diese Rechtsgeschäfte nach römischem Recht vornehmen konnten. Wenn du das Edikt mit alltäglichen Entscheidungen verbinden möchtest, findest du hier konkrete Ansatzpunkte: Vereinbarungen, familiäre Regelungen und die Übertragung von Eigentum.
Der gemeinsame Bürgerstatus wirkte auch integrierend auf die freie Bevölkerung des Reiches. Örtliche Rechtstraditionen bestanden jedoch weiter. Die Verleihung nahm Millionen Menschen in einen gemeinsamen Bürgerstatus auf, ohne das Verschwinden sämtlicher bestehender Rechtsgewohnheiten zu verlangen. Ihr Umfang und ihre Grenzen gehören gleichermaßen zur Erklärung.
Wie prägten Feldzüge und Heerespolitik seine Herrschaft?
Caracalla stärkte die Loyalität des Heeres durch höheren Sold und Geldgeschenke. Diese Zahlungen belasteten die Staatsfinanzen. Die Unterstützung durch das Heer und die Besteuerung müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden, wenn man seine Regierung beurteilt. Die Militärausgaben allein erklären allerdings nicht, warum er das Bürgerrechtsedikt erließ.
Während seines Feldzugs an der germanischen Grenze von 213–214 setzte Caracalla sowohl auf diplomatische Vereinbarungen als auch auf militärische Aktionen. Die Grenzbefestigungen in Rätien und Obergermanien wurden verstärkt. Seine Tätigkeit an dieser Grenze umfasste somit Feldzüge und ausgehandelte Regelungen.
216 begann er einen Feldzug im Osten gegen die Parther. Sein Tod 217 verhinderte dessen Abschluss. Am 8. April 217 wurde er auf der Straße zwischen Edessa und Carrhae getötet. Diese Orte heißen heute Şanlıurfa und Harran. Danach wurde Macrinus Kaiser.
Wenn du durch die Türkei (Türkiye) reist, bieten dir Şanlıurfa und Harran einen direkten geografischen Bezug zu Caracallas letztem Feldzug. Die Straße zwischen diesen Orten gehört zur Geschichte seiner Ermordung. Dort endete seine Herrschaft nach Jahren, in denen die Loyalität des Heeres seine Macht gestützt hatte.
Wie lassen sich feindselige antike Berichte kritisch lesen?
Cassius Dio war Senator und ein Zeitgenosse Caracallas. Er kritisierte, dass der Kaiser die Nähe zu Soldaten statt zu Senatoren suchte. Dios politische Stellung ist für die Lektüre seines Berichts wichtig. Das gilt besonders dort, wo er den Handlungen des Kaisers bestimmte Motive zuschreibt.
Clare Rowan unterscheidet zwischen Dios Schilderung der Ereignisse und den Absichten, die er Caracalla zuschreibt. Sie akzeptiert seine Abfolge der Ereignisse weitgehend, hinterfragt aber seine Erklärungen der Beweggründe. Diese Unterscheidung hilft besonders bei der Bewertung der Behauptung, das Bürgerrecht sei ausschließlich zur Steigerung der Steuereinnahmen ausgeweitet worden.
Die religiöse Sprache des Edikts, Dios steuerliche Erklärung und die Deutung als politische Integration stehen für unterschiedliche Arten von Belegen und Argumenten. Der erhaltene Text belegt, was Caracalla öffentlich erklärte. Dio liefert eine kritische Erklärung eines Zeitgenossen. Die politische Deutung verbindet die Verleihung mit den Umständen nach Getas Ermordung.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
„Caracalla“ war ein Beiname. Er leitete sich von einem Kapuzenmantel ab, den der Kaiser trug. Sein Geburtsname lautete Lucius Septimius Bassianus. Der heute mit seiner Bürgerrechtsverleihung verbundene Name ging also auf ein Kleidungsstück zurück.
Nach 212 nahmen viele neue Bürger den Namen Aurelius an. Dadurch hinterließ die Ausweitung des Bürgerrechts Spuren in Personennamen und Inschriften. Die rechtliche Veränderung lässt sich somit auch anhand von Zeugnissen verfolgen, die über den Wortlaut des Edikts hinausgehen.
Caracallas offizielle Porträts zeigten kurze Haare, einen kurzen Bart und eine gerunzelte Stirn. So vermittelten sie das Bild eines energischen Heerführers. Das Metropolitan Museum of Art erläutert, dass Haare und Bart seines Marmorkopfes durch kleine Meißelhiebe in die Steinoberfläche geformt wurden.
Die einzige erhaltene Papyrusabschrift, die den Wortlaut des Edikts überliefert, gehört zur Gießener Sammlung. Sie wurde 2017 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Ihr fragmentarischer Zustand ist ein wesentlicher Grund dafür, dass das genaue Veröffentlichungsdatum des Edikts unklar bleibt.
Zeitleiste
- 186–188: Caracalla wurde in Lugdunum geboren; die Quellen nennen unterschiedliche Geburtsjahre.
- 198: Er wurde Mitkaiser von Septimius Severus.
- 211: Septimius Severus starb in York.
- Dezember 211: Geta wurde getötet. Caracalla wurde dadurch Alleinherrscher.
- 212: Die gewöhnlich auf dieses Jahr datierte Constitutio Antoniniana verlieh fast allen freien Bewohnern das Bürgerrecht.
- 213–214: Caracalla führte an der germanischen Grenze Feldzüge und betrieb Diplomatie.
- 216: Er begann seinen Feldzug gegen die Parther.
- 8. April 217: Er wurde zwischen Edessa und Carrhae getötet.
- 2017: Der Gießener Papyrus wurde in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen.
FAQ
Galt Caracallas Bürgerrechtsverleihung für alle?
Sie erfasste fast alle freien Bewohner, einschließlich der Frauen. Versklavte Menschen wurden dadurch nicht freigelassen. Die allgemein angenommene Ausnahme für die dediticii lässt sich weiterhin nur schwer genau bestimmen.
Vergab Caracalla das Bürgerrecht nur, um Steuern einzunehmen?
Cassius Dio führte die Verleihung auf steuerliche Gründe zurück. Das Edikt selbst betont den Dank an die Götter. Eine politische Deutung verbindet es dagegen mit der Festigung von Caracallas Macht. Gegen die steuerliche Erklärung spricht außerdem ein Einwand, der auf ägyptischen Steueraufzeichnungen beruht.
Verschwand das örtliche Recht nach dem Edikt?
Nein. Die Verleihung schuf einen gemeinsamen Bürgerstatus und ließ zugleich örtliche Rechtstraditionen fortbestehen. Das Bürgerrecht hatte dennoch Folgen für Verträge, Eheschließungen und Erbschaften nach römischem Recht.
Wo starb Caracalla?
Er wurde am 8. April 217 auf der Straße zwischen Edessa und Carrhae getötet, dem heutigen Şanlıurfa und Harran. Sein Tod unterbrach seinen Feldzug im Osten. Macrinus wurde sein Nachfolger.
Quellen
- Vikipedi — Caracalla tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Caracalla en.wikipedia.org
- CNRS — Interview mit François Chausson über Caracalla news.cnrs.fr
- Universität Gießen — Caracalla und seine Motive constitutio.de
- Universität Gießen — Der Text constitutio.de
- UNESCO — Constitutio Antoniniana unesco.org
- Deutsche UNESCO-Kommission — Constitutio Antoniniana unesco.de
- Universität Gießen — Recht constitutio.de
- Universität Grenoble Alpes — Edikte Caracallas droitromain.univ-grenoble-alpes.fr
- Metropolitan Museum of Art — Römische Kunst: Material für Lehrkräfte, Seiten 67–68 resources.metmuseum.org
FAQ
Wer war Caracalla?
Caracalla war ein römischer Kaiser aus der Dynastie der Severer und der ältere Sohn von Septimius Severus und Julia Domna. Nachdem sein Bruder Geta im Dezember 211 getötet worden war, wurde er Alleinherrscher.
Image: Caracalla MAN Napoli Inv6033 n01.jpg — Wikimedia Commons, CC BY 2.5






