Die Dunklen Jahrhunderte Griechenlands (Yunan Karanlık Çağı) waren eine Phase des Wandels nach dem Zusammenbruch der mykenischen Paläste, der um 1200 v. Chr. begann. Meist wird die Epoche ungefähr auf 1180–800 v. Chr. oder 1100–750 v. Chr. datiert. Palastverwaltung und Linear-B-Schrift verschwanden vom griechischen Festland. Zugleich wurden die Siedlungen weniger und kleiner. Orte wie Lefkandi bewahrten jedoch Wohlstand und überseeische Verbindungen, während sich die Gemeinschaften neu organisierten.
Wie konnte eine Zeit schrumpfender Siedlungen zugleich einen Monumentalbau von 50 × 13,8 Metern hervorbringen? Lefkandi macht diese Frage greifbar. Wenn du seinen Gebäuden, Gräbern und importierten Gegenständen folgst, kannst du beides nachvollziehen: die Verluste nach dem Ende der Paläste und die Entstehung neuer gesellschaftlicher Strukturen.
Wie werden die Dunklen Jahrhunderte Griechenlands datiert, und warum variieren ihre Grenzen?
Für die Dunklen Jahrhunderte Griechenlands gibt es keine einheitlich anerkannte Datierung. Die englischsprachige Wikipedia nennt ungefähr 1180–800 v. Chr. Die türkischsprachige Wikipedia setzt die Epoche etwa auf 1100–750 v. Chr. an. Diese Zeiträume überschneiden sich. Ihre unterschiedlichen Grenzen zeigen aber, warum eine Datierung dieses Epochenbegriffs eingeordnet werden muss.
Eine Studie von Antonis Kotsonas aus dem Jahr 2016 dokumentiert eine noch größere Bandbreite wissenschaftlicher Ansätze. Forschende haben den Beginn um 1200 v. Chr. oder um 1125–1100 v. Chr. angesetzt. Vorgeschlagene Endpunkte liegen an verschiedenen Stellen zwischen 900 und 700 v. Chr. Du solltest deshalb prüfen, an welcher historischen oder archäologischen Veränderung sich eine bestimmte Chronologie orientiert.
Die Grenzen variieren, weil die Einteilungen unterschiedliche Befunde gewichten. Manche setzen beim Zusammenbruch der Paläste an. Andere konzentrieren sich auf die Verwendung von Eisen oder auf Keramikstile. Wie Kotsonas erläutert, erfassen diese Modelle unterschiedliche Abschnitte der Jahre zwischen 1200 und 700 v. Chr. Sie gliedern die Vergangenheit nicht auf genau dieselbe Weise.
Auch die Bezeichnung ist umstritten. Manche Forschende bevorzugen „Frühe Eisenzeit“, weil „Dunkle Jahrhunderte“ einen Niedergang nahelegt. Kotsonas stellte fest, dass beide Begriffe weiterhin in wissenschaftlichen Veröffentlichungen vorkamen. Die reich ausgestatteten Gräber von Lefkandi zeigen, warum sich das uneingeschränkte Bild einer dunklen Epoche kaum aufrechterhalten lässt.
Wie wirkte sich der Palastkollaps auf Schrift, Siedlungen und Handel aus?
Die mykenischen Paläste gingen nicht alle im selben Moment unter. Ihr Zusammenbruch begann um 1200 v. Chr. und erstreckte sich über Jahrzehnte. Dieser zeitliche Rahmen ist entscheidend: Das Ende des Palastsystems war ein Prozess. Die archäologischen Befunde dokumentieren Veränderungen im Verlauf dieses Prozesses.
Ein deutlicher Bruch betrifft die Schrift. Die Palastverwaltung hatte Linear B für Aufzeichnungen in griechischer Sprache genutzt. Nach dem Zusammenbruch des Palastsystems endete seine Verwendung auf dem griechischen Festland. Das Verschwinden dieser Schrift markiert den Verlust einer bestimmten Verwaltungspraxis, die an die Paläste gebunden war.
Die Siedlungsbefunde zeigen eine weitere tiefgreifende Veränderung. Nach dem Zusammenbruch gingen Zahl und Größe der Siedlungen zurück. Die Archäologie deutet dieses Muster als Hinweis auf einen Bevölkerungsrückgang. Diese Deutung beruht auf dem überlieferten Siedlungsbild. Daraus darf nicht folgen, dass jede einzelne Gemeinschaft auf dieselbe Weise aufgegeben wurde.
Die frühere Handelswelt war weit gespannt. Nach Angaben des Metropolitan Museum of Art reichten mykenische Waren und Handelsverbindungen vor den Zerstörungen, die die Palastkultur beendeten, von Spanien (İspanya) bis in die Levante (Levant). Diese geografische Reichweite vermittelt dir einen Eindruck der Netzwerke, an denen spätere Befunde gemessen werden müssen.
In Lefkandi finden sich Luxusgegenstände aus dem östlichen Mittelmeerraum und importierte Keramik in Gräbern des 10. und 9. Jahrhunderts v. Chr. Diese Gegenstände widersprechen der Behauptung, alle griechischen Gemeinschaften seien von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Sie belegen fortbestehende Verbindungen an einem bedeutenden Zentrum. Sie belegen jedoch nicht, dass das frühere Handelssystem der Paläste unversehrt weiterbestand.
Wie haben die Ausgrabungen in Lefkandi die Vorstellung eines allgemeinen Niedergangs infrage gestellt?
Lefkandi liegt auf Euböa (Eğriboz), zwischen dem antiken Chalkis (Halkida) und Eretria (Eretria). Buchten auf beiden Seiten der Siedlung Xeropolis bilden natürliche Häfen. Lefkandi-Xeropolis gewann nach etwa 1200 v. Chr. besondere Bedeutung. Seine Entwicklung fällt damit unmittelbar in die Zeit nach dem Palastkollaps.
Die Ausgrabungen begannen 1964 unter Mervyn Popham und Hugh Sackett im Rahmen der British School at Athens. Die Gräberfelder decken ungefähr den Zeitraum 1050–825 v. Chr. ab. Ihre Funde liefern direkte archäologische Belege für materiellen Wohlstand in Jahrhunderten, die häufig den Dunklen Jahrhunderten Griechenlands zugerechnet werden.
Das eindrucksvollste architektonische Beispiel ist der Monumentalbau von Toumba. Er entstand in der Mitte des 10. Jahrhunderts v. Chr. und maß 50 × 13,8 Meter. Seine Größe lässt sich schwer mit einer Darstellung vereinbaren, nach der mit den mykenischen Palästen auch jeder anspruchsvolle Großbau verschwunden sei.
Die Gräber machen diesen Widerspruch noch konkreter. Auf dem Gräberfeld von Toumba wurden Waffen, Schmuck und Gegenstände aus dem Nahen Osten (Yakın Doğu) und Ägypten (Mısır) gefunden. Das Ausgrabungsteam deutet sie als Zeichen wohlhabender örtlicher Herrschaftseliten. Die Befunde betreffen sowohl wertvollen Besitz als auch Unterschiede innerhalb der Gemeinschaft.
Lefkandi hebt die überregionalen Belege für weniger und kleinere Siedlungen nicht auf. Der Ort zeigt, dass der Niedergang ungleich verlief. Monumentalbauten und importierte Güter bestanden neben den umfassenderen Veränderungen, die mit dem Ende der Paläste verbunden waren. Jede Erklärung der Epoche muss beiden Befundmustern gerecht werden.
Wie entwickelten sich neue Siedlungen und Formen gesellschaftlicher Organisation?
In Lefkandi wurden beim Wiederaufbau ältere Strukturen unmittelbar weiterverwendet. Die Ausgrabungen von 2007 ergaben, dass ein Megaron der Frühen Eisenzeit einige Mauern eines Vorgängerbaus aus der Phase Späthelladisch IIIC einbezog. Der Übergang zwischen den Epochen umfasste somit auch bauliche Kontinuität innerhalb der Siedlung.
Das ältere Gebäude maß mindestens 12 × 5,5 Meter. Sein Hauptraum war 7,5 × 5,5 Meter groß. Stell dir als Vergleich aus dem Alltag vor, du renovierst ein Haus und behältst brauchbare Mauern bei: Lefkandi bietet einen tatsächlichen archäologischen Fall, in dem ein späterer Bau ältere Bausubstanz einbezog. Ein Epochenwechsel bedeutete nicht, dass jedes Gebäude von Grund auf neu errichtet werden musste.
Die Anordnung der Bestattungen eröffnet einen weiteren Blick auf die gesellschaftliche Organisation. Nachdem der Toumba-Bau und seine zentralen Gräber mit einem Hügel überdeckt worden waren, wurde die Fläche vor seinem östlichen Eingang zum Gräberfeld. Spätere Bestattungen nahmen damit einen Raum ein, der eng mit dem älteren Monumentalbau verbunden war.
Die Ausgräber vermuten, dass die außerhalb Bestatteten derselben Verwandtschaftsgruppe beziehungsweise demselben Oikos angehört haben könnten wie die Menschen im Inneren. Das bleibt eine Deutung und ist kein nachgewiesenes Familienverhältnis. Die räumliche Verbindung ist sichtbar. Die genauen biologischen Verwandtschaftsverhältnisse lassen sich aus dieser Anordnung allein nicht nachweisen.
Das Metropolitan Museum datiert die geometrische Zeit ungefähr auf 1050–700 v. Chr. Es beschreibt diese Jahrhunderte als eine Phase, in der Stadtstaaten, große Heiligtümer und panhellenische Feste Gestalt annahmen. Diese Entwicklungen überschneiden sich mit mehreren vorgeschlagenen zeitlichen Abgrenzungen der Dunklen Jahrhunderte Griechenlands. Die Neuorganisation gehört damit zur Epoche selbst.
Auch Schrift erschien in einer anderen Form. Um 800 v. Chr. entstand durch die Anpassung der phönizischen Schrift das griechische Alphabet. Es war keine Wiederbelebung von Linear B. In spätgeometrischen Gebäuden von Lefkandi-Xeropolis wurden frühe Graffiti im euböischen Alphabet gefunden. Hinzu kommen Belege für die Herstellung von Bronzegegenständen.
Zeitleiste
- Um 1200 v. Chr.: Der Palastkollaps beginnt, und Lefkandi-Xeropolis gewinnt an Bedeutung.
- Um 1100 v. Chr.: Auf Zypern (Kıbrıs) wird ein Bronzekrater hergestellt. Später nimmt er in Toumba Leichenbrand auf.
- Ungefähr 1050–825 v. Chr.: Diesen Zeitraum decken die Gräberfelder von Lefkandi ab.
- Mitte des 10. Jahrhunderts v. Chr.: Der Monumentalbau von Toumba wird errichtet.
- Um 800 v. Chr.: Ein aus der phönizischen Schrift entwickeltes griechisches Alphabet erscheint.
- 1964: Popham und Sackett beginnen mit den Ausgrabungen in Lefkandi.
- 2007: Ausgrabungen dokumentieren die Wiederverwendung von Mauern zwischen bronzezeitlichen und früheisenzeitlichen Gebäuden.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
Zwei zentrale Grabgruben bringen dir die Menschen im Toumba-Bau näher. Eine enthielt den Leichenbrand eines bewaffneten Mannes und das Skelett einer Frau mit Schmuck. In der anderen lagen die Überreste von vier Pferden. Diese Niederlegungen befanden sich innerhalb desselben Monumentalbaus.
Die Asche des Mannes wurde in einem Bronzekrater beigesetzt, der nach Angaben des Archäologischen Nationalmuseums in Athen (Atina) um 1100 v. Chr. auf Zypern hergestellt worden war. Als das Gefäß ins Grab gelangte, war es bereits alt. Seine Herstellung und seine spätere Verwendung bei der Bestattung gehören zu unterschiedlichen Momenten seiner Objektgeschichte.
Im Bestattungsgefäß blieb auch ein großes Leinentextil erhalten. Es hatte zusammengenähte Seiten, Fransen und Bänder mit geometrischer Verzierung. Wenn du dir bei diesen Bestattungen nur Waffen und Metallschmuck vorstellst, ergänzt der erhaltene Stoff das Bild um ein weiteres Material, das zur Grabausstattung gehörte.
Bei den Siedlungsgrabungen kam ein wesentlich kleinerer Befund zutage: ein Kasten aus Lehmziegeln mit den Maßen 70 × 40 Zentimeter. Er wird dem Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit zugeordnet. Er enthielt Keramikfragmente und etwa sechs Murexschalen, die großer Hitze ausgesetzt gewesen waren. Der dokumentierte Inhalt ist konkret, auch wenn sich daraus keine eindeutige Funktion des Kastens ergibt.
Ein weiterer Fund verbindet die Siedlung mit der Zubereitung von Nahrung. Tierknochen mit Schnittspuren stammen aus einer mit Kieseln gepflasterten Außenfläche, die ungefähr ins 10. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Die Fachperson E. Christodoulou brachte sie mit wahrscheinlichen Schlacht- und Zerlegearbeiten in Verbindung. Neben monumentalen Gräbern bewahrt Lefkandi somit Spuren praktischer Arbeiten mit tierischen Überresten.
FAQ
Waren die Dunklen Jahrhunderte Griechenlands völlig ohne Schrift?
Nach dem Palastkollaps wurde Linear B auf dem griechischen Festland nicht mehr verwendet. Um 800 v. Chr. entstand durch die Anpassung der phönizischen Schrift das griechische Alphabet. Die Epoche umfasst damit sowohl den Verlust der schriftlichen Palastverwaltung als auch die Entstehung eines anderen Schriftsystems.
War jede griechische Gemeinschaft arm und isoliert?
Der monumentale Toumba-Bau von Lefkandi, der Schmuck und die importierte Keramik widersprechen einer allgemeinen Armut und Isolation. Die Befunde belegen, dass in einigen Gemeinschaften Wohlstand und überseeische Kontakte bestanden. Gleichzeitig gingen Zahl und Größe der Siedlungen insgesamt zurück.
Brachen die mykenischen Paläste innerhalb eines Jahres zusammen?
Der Zusammenbruch begann um 1200 v. Chr. und setzte sich über Jahrzehnte fort. Ihn als Prozess zu betrachten, entspricht dieser Chronologie besser, als das Ende aller Paläste einem einzigen Jahr zuzuweisen.
Was entwickelte sich nach dem Palastsystem?
Lefkandi liefert Belege für wiederverwendete Gebäude, wohlhabende örtliche Eliten und spätere alphabetische Schrift. Für ungefähr 1050–700 v. Chr. beschreibt das Metropolitan Museum außerdem die Entstehung von Stadtstaaten, großen Heiligtümern und panhellenischen Festen.
Quellen
- Vikipedi — Dunkle Jahrhunderte Griechenlands tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Dunkle Jahrhunderte Griechenlands en.wikipedia.org
- Antonis Kotsonas, American Journal of Archaeology — Die Politik der Periodisierung und die Archäologie des frühen Griechenlands ajaonline.org
- The Metropolitan Museum of Art — Griechische Kunst: Von der Vorgeschichte bis zur Klassik resources.metmuseum.org
- Universität Oxford — Ausgrabungen in Lefkandi lefkandi.classics.ox.ac.uk
- Universität Oxford — Der protogeometrische Bau und das Gräberfeld von Toumba lefkandi.classics.ox.ac.uk
- Archäologisches Nationalmuseum, Athen — Der Urnenkrater des Herrn von Lefkandi namuseum.gr
- Archäologisches Nationalmuseum, Athen — Das Forschungsprogramm zum Textil von Lefkandi namuseum.gr
- Universität Oxford — Lefkandi-Xeropolis: Grabungskampagne 2007, Region I lefkandi.classics.ox.ac.uk
- Universität Oxford — Die Gräberfelder lefkandi.classics.ox.ac.uk
FAQ
Wann waren die Dunklen Jahrhunderte Griechenlands?
Häufig werden etwa 1180–800 v. Chr. oder 1100–750 v. Chr. genannt. Die Grenzen variieren, weil die Forschung unterschiedliche Kriterien heranzieht: den Zusammenbruch der Paläste, die Verwendung von Eisen oder Keramikstile.
Was geschah mit der Schrift nach dem Zusammenbruch der mykenischen Paläste?
Linear B, mit dem die Palastverwaltung Aufzeichnungen auf Griechisch führte, wurde auf dem griechischen Festland nicht mehr verwendet. Um 800 v. Chr. entstand durch die Anpassung der phönizischen Schrift ein griechisches Alphabet.
Warum ist Lefkandi wichtig?
Lefkandi bewahrt Zeugnisse monumentaler Bauten, reich ausgestatteter Gräber und importierter Gegenstände aus der Zeit nach dem Palastkollaps. Diese Funde widersprechen der Vorstellung, jede griechische Gemeinschaft habe Armut und Isolation erlebt.
Entstanden in den Dunklen Jahrhunderten Griechenlands neue Formen gesellschaftlicher Organisation?
Die Gräber von Lefkandi belegen wohlhabende örtliche Eliten. Wiederverwendete Gebäude zeigen zugleich Kontinuität zwischen den Epochen. Das Metropolitan Museum ordnet die Entstehung von Stadtstaaten, großen Heiligtümern und panhellenischen Festen ungefähr dem Zeitraum 1050–700 v. Chr. zu.
Image: Centaur Chiron of Lefkandi, Archaeological museum of Eretria, Greece.jpg — Jebulon, CC0






