Odoaker (türkisch: Odoacer) war ein Militärherrscher, der Italien von 476 bis 493 als König regierte. Er bewahrte das römische Recht und die römische Verwaltung, ohne Kaiser zu werden. Nachdem sein Verhältnis zum oströmischen Kaiser Zenon feindselig geworden war, fiel Theoderich mit kaiserlicher Zustimmung in Italien ein und tötete ihn schließlich. Der Tötung war eine Vereinbarung über eine gemeinsame Herrschaft vorausgegangen. Die Berichte nennen unterschiedliche Erklärungen: Verschwörung, Rache und Eidbruch.
Wie konnte Odoaker Romulus Augustulus absetzen und zugleich römische Amtsträger, Kaisernamen auf Münzen und traditionelle Institutionen beibehalten? Wenn du seine Titel, seine Beziehungen zu Zenon und die Belagerung Ravennas verfolgst, erkennst du, wie militärisches Königtum neben kaiserlichen Herrschaftsansprüchen bestehen konnte. Diese Einzelheiten erklären auch, warum das Jahr 476 einen komplizierteren Wendepunkt darstellt, als eine einzelne Absetzung vermuten lässt.
Wie kam Odoaker 476 an die Macht?
Odoaker wurde um 433 geboren. Schon bevor er König wurde, war er an den Kämpfen um die Macht im Römischen Reich beteiligt. Im Jahr 472 kämpfte er auf Ricimers Seite gegen Kaiser Anthemius. Sein Aufstieg im Jahr 476 begann mit einem Streit darüber, was die Soldaten in Italien erhalten sollten.
Die Soldaten forderten ein Drittel des Landes. Orestes lehnte das ab. Seine Weigerung löste den Aufstand aus, der Odoaker an die Macht brachte. Am 23. August 476 riefen die Soldaten ihn zum König aus. Fünf Tage später wurde Orestes bei Placentia gefangen genommen und getötet.
Nach der traditionellen Datierung setzte Odoaker den Kindkaiser Romulus Augustulus am 4. September 476 ab. Er verschonte Romulus und schickte ihn nach Kampanien. Die Absetzung beendete damit die Herrschaft des Jungen, ohne sein Leben zu beenden.
Die Forderung der Soldaten wirft auch eine Frage zur anschließenden Regelung auf. Die traditionelle Darstellung beschreibt eine Verteilung von Land. Giorgio Scrofani vertritt dagegen die Auffassung, das den Soldaten zugewiesene Drittel könnte ein Anteil an den Steuereinnahmen gewesen sein. Diese Deutungen beschreiben unterschiedliche Wege, die militärische Machtbasis von Odoakers Königtum zu versorgen.
Den Unterschied kannst du dir an einem Alltagsbeispiel klarmachen. Jemandem einen Teil deines Eigentums zu geben, ist etwas anderes, als ihm einen Teil deines Einkommens zuzuweisen. Bei der Versorgung der Soldaten geht es entsprechend darum, ob sie das Land selbst oder die daraus erzielten Einnahmen erhielten. Scrofanis Deutung lässt diese Unterscheidung offen.
Mit welchen Institutionen und Herrschaftsansprüchen regierte er Italien, ohne Kaiser zu werden?
Odoaker behielt das römische Recht, die traditionellen Verwaltungsstrukturen und römische Amtsträger in hohen Positionen bei. Seine militärische Machtübernahme führte nicht dazu, dass er den Regierungsapparat ersetzte. Er regierte mithilfe von Institutionen, die unter einem König weiterarbeiteten.
Auch der römische Senat wirkte daran mit, seiner Herrschaft einen Rahmen zu geben. Eine Gesandtschaft des Senats erklärte in Konstantinopel, ein einziger Kaiser genüge. Sie bat Zenon, Odoaker den Titel patricius und die Verantwortung für die Regierung Italiens zu verleihen. Der Vorschlag verband seine tatsächliche Kontrolle mit der Anerkennung durch den oströmischen Kaiser.
Odoakers einziges erhaltenes amtliches Dokument verwendet den Titel rex, also König. Es fügt keine ethnische oder geografische Bezeichnung hinzu. Diese Wortwahl ist bedeutsam: Das Dokument nennt seinen Rang, ohne sein Königtum über ein bestimmtes Volk oder Gebiet zu definieren.
Die Münzprägung drückte einen anderen Teil seiner Stellung aus. Bis zum Tod von Julius Nepos im Jahr 480 ließ Odoaker Münzen in dessen Namen prägen. Danach erschienen sie im Namen Zenons. Wenn du nur auf die Kaisernamen schaust, erkennst du die fortgesetzte Anerkennung der Kaiser in einer Zeit, in der Odoaker Italien kontrollierte.
Sein Sohn Thela macht das Bild komplizierter. Odoaker verlieh ihm den Titel Caesar. Das lässt sich als kaiserlicher Anspruch deuten. Laury Sarti versteht es dagegen als Versuch, die Nachfolge im Königtum zu sichern. Der Titel allein klärt daher nicht, wie weit Odoakers Ambitionen reichten.
Diese Verbindung verschiedener Herrschaftsformen verändert auch den Blick auf 476. Die traditionelle Darstellung setzt das Ende des Weströmischen Reiches in dieses Jahr. Sarti betont dagegen den Tod des Nepos im Jahr 480 und das Fortbestehen der römischen Kaiseridee. Odoakers Münzen und die von ihm bewahrten Institutionen helfen, diese Deutung zu verstehen.
Wie veränderte sich sein Verhältnis zum oströmischen Kaiser Zenon?
Zenons erste Reaktion verband formale Vorbehalte mit praktischer Anerkennung. Offiziell forderte er Odoaker auf, sich an Julius Nepos zu wenden. In einem privaten Brief sprach er Odoaker jedoch als patricius an. Damit erkannte er dessen tatsächliche Regierungsgewalt an, während er formal eine andere Position vertrat.
Nach der Ermordung des Nepos im Jahr 480 führte Odoaker einen Feldzug in Dalmatien. Innerhalb von zwei Jahren brachte er die Region unter seine Kontrolle. Seine Macht reichte damit über die Regierung Italiens hinaus, die ihm Zenon auf Bitte des Senats hatte anvertrauen sollen.
Die Religion wurde zu einem weiteren Streitpunkt. Odoaker war arianischer Christ. Dennoch unterstützte er 482 Papst Simplicius gegen Zenons religiösen Kompromisserlass. In diesem Konflikt stellte er sich gegen die Politik des oströmischen Kaisers.
Der Konflikt nahm auch eine militärische Dimension an. In den Jahren 487 und 488 besiegten Odoakers Truppen die Rugier, die Zenon gegen ihn aufgestachelt hatte. Der Kaiser, der seine tatsächliche Herrschaft zuvor anerkannt hatte, stand nun mit militärischem Druck gegen diese Herrschaft in Verbindung.
Thomas Hodgkin deutet Zenons Unterstützung für Theoderichs Italienfeldzug als Mittel zu zwei Zwecken. Sie konnte das Problem Odoaker lösen und die Ostgoten aus der Umgebung Konstantinopels entfernen. Mit der Unterstützung des Einmarsches konnte Zenon beide Anliegen verfolgen.
Die Quellen widersprechen sich darin, wer den Feldzug vorgeschlagen hatte. Jordanes schreibt die Initiative Theoderich zu, Prokop dagegen Zenon. Beide Berichte gehen jedoch von einer kaiserlichen Zustimmung aus. Der Streit betrifft den Ursprung des Vorschlags, nicht die Frage, ob der Kaiser das Unternehmen billigte.
Wie beendete Theoderichs Einmarsch Odoakers Herrschaft?
Theoderich zog 489 nach Italien und besiegte Odoaker am 28. August am Isonzo. Am 30. September folgte eine zweite Niederlage bei Verona. Diese Siege leiteten die militärische Entwicklung ein, die Odoaker schließlich auf Ravenna zurückwarf.
Am 11. August 490 verlor Odoaker erneut, diesmal an der Adda. Er zog sich nach Ravenna zurück und hielt dort einer ungefähr drei Jahre dauernden Belagerung stand. Der Feldzug ging also noch lange nach Theoderichs ersten Siegen weiter.
Bischof Johannes von Ravenna vermittelte eine Vereinbarung, die am 25. Februar 493 zustande kam. Sie versprach, Odoakers Leben zu verschonen, und sah eine gemeinsame Herrschaft der beiden Könige vor. Die Einigung erlaubte Odoaker ausdrücklich, das Ende der Belagerung zu überleben.
Theoderich zog am 5. März in Ravenna ein. Am 15. März tötete er Odoaker bei einem gemeinsamen Mahl. Die zugesagte gemeinsame Regierung endete damit, dass ein König den anderen tötete.
Warum tat Theoderich das? Prokop stellt die Tötung als Maßnahme dar, die eine angebliche Verschwörung Odoakers verhindern sollte. Marcellinus betont den Bruch eines Eides. Johannes von Antiochia erzählt eine Rachegeschichte. Diese Berichte bieten konkurrierende Erklärungen. Ein allgemein anerkanntes Motiv ergibt sich daraus nicht.
Der Anonymus Valesianus beschreibt weitere Tötungen am selben Tag. Nach diesem Bericht befahl Theoderich, Odoakers Familie und alle auffindbaren Soldaten Odoakers zu töten. Die Gewalt traf damit weit mehr Menschen als den beim Mahl getöteten Herrscher.
Wo widersprechen sich die Quellen über seine Herkunft und seine letzten Tage?
Für Odoakers Abstammung gibt es konkurrierende Erklärungen. Seine Familie wurde mit den Hunnen in Verbindung gebracht. MacGeorge und Macbain vertreten dagegen die Auffassung, er sei zur Hälfte Skire und zur Hälfte Thüringer gewesen. Einer einzigen, selbstsicher vorgetragenen ethnischen Zuordnung solltest du deshalb mit Vorsicht begegnen.
Auch sein Name wird unterschiedlich gedeutet. Die traditionelle Erklärung leitet Odoacer von den germanischen Bestandteilen auda und wakra ab. Reynolds und Lopez schlugen 1946 eine türkische Herleitung vor. Dieser Vorschlag betrifft den Ursprung des Namens. Die davon getrennte Debatte über seine familiäre Herkunft bleibt eine eigene Frage.
Auch über den Tod seiner Frau Sunigilda unterscheiden sich die Berichte. Manche beschreiben ihre Steinigung. Herwig Wolframs Darstellung schildert ihren Tod durch Verhungern. Zusammen mit den konkurrierenden Erklärungen für Odoakers Ermordung zeigt dieser Widerspruch, wie unterschiedlich die endgültige Vernichtung seiner Familie erzählt wurde.
Details, die du nicht im Reiseführer findest
Romulus Augustulus erhielt nach seiner Absetzung ein jährliches Einkommen von 6.000 Goldstücken. Odoakers Umgang mit dem früheren Kaiser steht in scharfem Gegensatz zu seinem eigenen Tod nach dem Versprechen, sein Leben zu verschonen.
Odoaker datierte seine amtlichen Dokumente nicht nach seinen eigenen Regierungsjahren. Zudem verwendete er Kaisernamen auf Münzen. Beide Einzelheiten helfen zu erklären, wie sein Königtum mit der fortgesetzten Anerkennung kaiserlicher Autorität vereinbar war.
Sein Porträt auf Silbermünzen zeigt einen Schnurrbart, aber kein Diadem, das kaiserlichen Rang signalisierte. Wenn du diese Kombination zusammen mit dem Titel rex betrachtest, wird der Unterschied zwischen seiner Darstellung als König und einer Darstellung als Kaiser leichter nachvollziehbar.
Die Belagerung Ravennas hinterließ auch ein konkretes Maß für die Knappheit. Der Anonymus Valesianus berichtet, ein Modius Weizen habe sechs Goldstücke gekostet. Dieser überlieferte Preis zeigt, was die lange Belagerung für die Versorgung der Haushalte bedeutete: Der Kampf zwischen den Königen beeinträchtigte den Zugang zu Nahrung.
Zeitleiste
- Um 433 Odoaker wird geboren.
- 472 Er kämpft an Ricimers Seite gegen Anthemius.
- 23. August 476 Seine Soldaten rufen ihn zum König aus.
- 4. September 476 Traditionelles Datum der Absetzung von Romulus Augustulus.
- 480 Julius Nepos wird ermordet.
- 487–488 Odoakers Truppen besiegen die Rugier.
- 489 Theoderich zieht nach Italien und siegt am Isonzo und bei Verona.
- 11. August 490 Die Niederlage an der Adda zwingt Odoaker zum Rückzug nach Ravenna.
- 25. Februar 493 Eine Vereinbarung sieht eine gemeinsame Herrschaft vor.
- 5. März 493 Theoderich zieht in Ravenna ein.
- 15. März 493 Theoderich tötet Odoaker.
FAQ
Wer war Odoaker?
Odoaker war ein um 433 geborener Militärherrscher, der Italien von 476 bis 493 regierte. Er war arianischer Christ und herrschte als König, ohne den Kaisertitel anzunehmen.
Hat Odoaker Romulus Augustulus getötet?
Nein. Odoaker verschonte Romulus, schickte ihn nach Kampanien und gewährte ihm ein jährliches Einkommen von 6.000 Goldstücken.
Regierte Odoaker unabhängig von Zenon?
Odoaker übte die tatsächliche Herrschaft über Italien aus und erkannte zugleich die kaiserliche Autorität an. Bis 480 ließ er Münzen im Namen von Julius Nepos prägen, danach im Namen Zenons.
Warum tötete Theoderich Odoaker?
Die Berichte widersprechen einander. Prokop stellt die Tötung als Vorbeugung gegen eine angebliche Verschwörung dar. Marcellinus betont einen Eidbruch, während Johannes von Antiochia eine Rachegeschichte erzählt.
Quellen
- Türkische Wikipedia — Odoacer tr.wikipedia.org
- Englische Wikipedia — Odoacer en.wikipedia.org
- Encyclopaedia Britannica, 1911 — Odoacer penelope.uchicago.edu
- Anonymus Valesianus — Zweiter Teil, Abschnitte 38, 53 und 56 penelope.uchicago.edu
- Giorgio Scrofani — Odoacre, Treccani/) treccani.it
- Laury Sarti — Die westlichen Gebiete des Reiches doi.org
- Thomas Hodgkin — Italien und seine Invasoren, Buch IV, Kapitel III penelope.uchicago.edu
FAQ
Wer war Odoaker?
Odoaker war ein um 433 geborener Militärherrscher, der Italien von 476 bis 493 regierte. Er war arianischer Christ und herrschte als König, ohne den Kaisertitel anzunehmen.
Hat Odoaker Romulus Augustulus getötet?
Nein. Odoaker verschonte Romulus, schickte ihn nach Kampanien und gewährte ihm ein jährliches Einkommen von 6.000 Goldstücken.
Regierte Odoaker unabhängig von Zenon?
Odoaker übte die tatsächliche Herrschaft über Italien aus und erkannte zugleich die kaiserliche Autorität an. Bis 480 ließ er Münzen im Namen von Julius Nepos prägen, danach im Namen Zenons.
Warum tötete Theoderich Odoaker?
Die Berichte widersprechen einander. Prokop stellt die Tötung als Vorbeugung gegen eine angebliche Verschwörung dar. Marcellinus betont einen Eidbruch, während Johannes von Antiochia eine Rachegeschichte erzählt.
Image: Coin of Odoacer at the British Museum (obverse).png — British Museum (photo), CC BY-SA 4.0






