Wurzeln der Städte

Nevşehir: Geschichte und Herkunft des Stadtnamens

Nevşehir erhielt seinen Namen, der „neu gegründete Stadt“ bedeutet, durch die Bau- und Ansiedlungsmaßnahmen, die das osmanische Dorf Muşkara im frühen 18. Jahrhundert zur Stadt machten. Der Artikel verfolgt die Geschichte des Ortes von prähistorischen Höhlen über die Erhebung zur Provinz 1954 bis zur Felssiedlung, die 2014 im Stadtzentrum entdeckt wurde.

9 Min. Lesezeit13 QuellenVeröffentlicht: 29 Oktober 2026Zuletzt geprüft: 29 Oktober 2026
Redaktion von Köküne Kadar TVUnsere Quellengrundsätze
Nevşehir: Geschichte und Herkunft des Stadtnamens
Nevşehir Damat Ibrahim Pasha complex in 2023 5091.jpg

Nevşehir auf einen Blick

Nevşehir ist eine Stadt in der Zentraltürkei. Zugleich trägt die Provinz ihren Namen, in der ein großer Teil Kappadokiens (Kapadokya) liegt. Nach anatolischen Maßstäben ist das Stadtzentrum jung. Sein Name und seine Hauptmoschee gehen auf eine intensive Bauphase im frühen 18. Jahrhundert zurück.

Die Geschichte des Provinzgebiets reicht viel weiter zurück. Dort finden sich prähistorische Werkzeuge, bronzezeitliche Siedlungshügel und in den Fels gehauene Wohnräume. Auch die Machtpolitik der Seldschukenzeit hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wenn du einen schnellen Einstieg suchst, fang beim Namen an. Von dort geht es zurück in die Vergangenheit.

Was bedeutet der Name Nevşehir?

Der Name bedeutet „neu gegründete Stadt“. Er wurde für Muşkara verwendet, eine Siedlung, die im frühen 18. Jahrhundert durch Bau- und Ansiedlungsmaßnahmen wuchs. Der Name hält also einen Wandel fest. Aus einem Dorf wurde eine Stadt, und die Menschen nannten sie neu.

Auch in amtlichen Schriftstücken taucht der Name auf. In osmanischen Verwaltungsschreiben steht gelegentlich die Form Nevşehr-i Dilârâ. Ihr begegnest du nur in Archivunterlagen, nicht auf Straßenschildern.

Vor Nevşehir: das Dorf Muşkara

Muşkara erscheint in einem osmanischen Register von 1518. Es war ein Dorf im Unterbezirk Uçhisar, einer Nahiye. Dieser gehörte zum Bezirk Ürgüp, einer Kaza, und dieser wiederum zum Sandschak Niğde. Das Dorf stand weit unten in der Verwaltungshierarchie.

Dasselbe Register nennt die steuerlich erfasste Bevölkerung: 86 Haushalte und 19 unverheiratete Männer. Sie waren sämtlich nichtmuslimisch. Das ist das vollständige Bild, das die Quelle für Muşkara im Jahr 1518 liefert: eine kleine steuerzahlende Gemeinschaft, die neben den Nachbardörfern aufgeführt wird.

Nichts in diesem Eintrag deutet auf ein künftiges Provinzzentrum hin. Der Wandel kam zwei Jahrhunderte später.

Wer machte Muşkara zur Stadt?

Hinter dem Wandel stand Damat İbrahim Pascha. Sein Beiname „Nevşehirli“ bedeutet „aus Nevşehir“ und verbindet seinen Namen dauerhaft mit der Stadt. Seine Bau- und Ansiedlungsmaßnahmen machten im frühen 18. Jahrhundert aus Muşkara Nevşehir.

Dabei ging es um mehr als Gebäude. Eine Studie in der Zeitschrift Belleten beschreibt die Anordnungen, die er erwirkte. Eine führte einen Markt am Montag und Donnerstag ein. Eine andere verpflichtete den Richter von Ürgüp, dauerhaft in Nevşehir zu wohnen.

Diese beiden Entscheidungen erklären viel. Ein Markt zieht Händler und Käufer an. Ein ansässiger Richter bringt Gerichtsverfahren, Urkunden und Amtsträger mit sich. Gemeinsam lassen sie ein Dorf die Aufgaben einer Stadt übernehmen.

Dasselbe Prinzip kannst du heute beobachten. Wenn du auf einem Wochenmarkt in deinem Viertel Gemüse kaufst, nutzt du das älteste Mittel der Stadtentwicklung. Menschen kommen an einem festen Tag zusammen. Um diese Gewohnheit herum wächst ein Ort.

Die Kurşunlu-Moschee und ihr Gebäudekomplex

Die Kurşunlu-Moschee im Stadtzentrum ließ Damat İbrahim Pascha 1726–1727 errichten. Sie bildet den Mittelpunkt seines Gebäudekomplexes. Nach Angaben des Provinzmuftiamts Nevşehir umfasst der Damat-İbrahim-Pascha-Komplex:

  • eine Moschee
  • eine Medrese
  • eine Karawanserei
  • eine Grundschule
  • eine Suppenküche
  • ein Bad
  • zwei Brunnen

Die Liste liest sich wie die Ausstattung einer eigenen kleinen Stadt. An einem Ort konnten Menschen beten, lernen, essen und sich waschen. Reisende fanden eine Unterkunft. Nur wenige Dörfer erhielten all das auf einmal.

Damat İbrahim Pascha ließ in Nevşehir auch eine Bibliothek gründen. Ihre Inschrift ist auf 1727 datiert. Den Verstext dafür schrieb der Dichter Nedim. Eine Bibliothek mit Versen eines bekannten Dichters zeigt, welchen Anspruch das Vorhaben hatte.

Wer transportierte die Steine?

Bauten dieser Größenordnung brauchen Muskelkraft. Die Belleten-Studie hält fest, dass nomadische Gemeinschaften den Transport der Bausteine übernehmen mussten. Namentlich genannt werden die Turkmenengruppen Boynuinceli, Mamalı, Pehlivanlı und Kocabeyoğlu.

Dieses Detail fehlt meist in touristischen Kurzbeschreibungen. Es zeigt, dass die neue Stadt nicht allein durch Beamte und Maurer entstand. Auch Gruppen, die mit ihren Herden durch die Region zogen, wurden für die Arbeiten herangezogen.

Ist Nevşehir das antike Nyssa?

Manche Autoren sehen in Nevşehir die Fortsetzung der antiken Stadt Nyssa. Die Islam-Enzyklopädie der Türkischen Religionsstiftung weist darauf hin, dass diese Gleichsetzung nicht geklärt ist. Als Standort von Nyssa wurde auch Nar vorgeschlagen.

Sei deshalb vorsichtig, wenn Schilder oder Broschüren diese Verbindung als Tatsache darstellen. Gesichert lässt sich sagen, dass die Zuordnung umstritten ist. Die belegte Geschichte der Stadt als Nevşehir beginnt mit den oben genannten osmanischen Quellen.

Ältere Spuren im Provinzgebiet

Die Provinz hat eine weit zurückreichende Vergangenheit, die unabhängig vom Namen der Stadt besteht. Drei Beispiele zeigen ihre zeitliche Tiefe.

Civelek-Höhle, Gülşehir. Archäologen fanden hier Gefäße, Spinnwirtel sowie Werkzeuge aus Stein und Knochen. Sie stammen aus der Kupfersteinzeit, ungefähr 5000–3000 v. Chr.

Zank Höyük bei Sarılar in Avanos. Ausgrabungen auf diesem Siedlungshügel brachten Überreste aus der frühen Bronzezeit und der Zeit der assyrischen Handelskolonien ans Licht.

Die Zeit der Seldschuken und Mongolen. Nach der Schlacht bei Manzikert (Malazgirt) kam das Gebiet unter seldschukische Herrschaft. Nach der Schlacht vom Kösedağ 1243 geriet es unter mongolisch-ilchanidischen Einfluss.

Zusammen zeigen diese Beispiele, dass hier lange vor Damat İbrahim Pascha Menschen lebten. Seine Leistung bestand darin, der Region ein neues städtisches Zentrum zu geben. Menschliche Besiedlung musste er hier nicht erst begründen.

Brücken, Kirchen und Wohnhäuser

Bauwerke an anderen Orten der Provinz liefern weitere feste Jahreszahlen.

Die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke bei Özkonak trägt an ihrer Nordseite eine osmanisch-türkische Inschrift. Sie nennt das Jahr 1514. Die Menschen vor Ort nennen die Brücke Demirli Köprü.

In Mustafapaşa im Bezirk Ürgüp ist die Konstantin-und-Helena-Kirche als Bau von 1729 verzeichnet. Das liegt nur wenige Jahre nach dem Bau der Kurşunlu-Moschee. Eine griechische Inschrift am Eingang des Mustafa-Savaş-Hauses im selben Dorf nennt das Jahr 1910. Im Erdgeschoss dieses Hauses befinden sich einander zugewandte Adlerfiguren.

In Gülşehir gibt es eine weitere Moschee namens Kurşunlu, auch Karavezir genannt. Silahtar Seyyid Mehmet Pascha ließ sie 1779 aus gelben und weißen Werksteinen erbauen. Verwechsle sie nicht mit der Moschee im Stadtzentrum von Nevşehir. Zwei Moscheen mit demselben Namen und 53 Jahren Abstand beim Bau führen leicht zu Verwechslungen.

Die Steinbrücke von Avanos: zwei Datierungen

Die Steinbrücke über den Kızılırmak in Avanos zeigt, wie Quellen voneinander abweichen können. Laut dem Landratsamt Avanos begann der Bau 1898 mit Unterstützung von Kurena Arif Bey und endete 1900. Die Generaldirektion für Straßenwesen nennt in ihrem Finanzbericht von 2025 einen anderen Zeitraum: 1902–1906.

Das Landratsamt liefert noch eine weitere Angabe. Die Fahrbahn der Brücke bestand ursprünglich aus Holz. Zwischen 1924 und 1926 wurde sie unter dem ungarischen Meister Wolf durch eine Betonfahrbahn ersetzt.

Beide Baudatierungen sind dokumentiert, stimmen aber nicht überein. Die Baujahre bleiben daher ungeklärt.

Die Erhebung zur Provinz 1954

Das Gesetz Nr. 6429 machte Nevşehir zur Provinz. Artikel 4 legt den 20. Juli 1954 als Datum des Inkrafttretens fest. Seit diesem Tag war Nevşehir eine eigenständige Provinz.

Eine Landschaft des Welterbes

1985 wurden der Nationalpark Göreme und die Felsstätten von Kappadokien in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Die UNESCO würdigte dabei die kulturellen und natürlichen Werte gemeinsam. Sie beschreibt die Felswohnungen, Dörfer und unterirdischen Siedlungen des Gebiets als Zeugnisse einer traditionellen Lebensweise, die bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht.

Kayaşehir: ein entdecktes Viertel im Stadtzentrum

Die überraschendste Entdeckung liegt in der Stadt selbst. Bei Stadterneuerungsarbeiten rund um die Burg von Nevşehir kam 2014 Kayaşehir zum Vorschein: eine in den Fels gehauene Siedlung an einem Hang.

Sie umfasst eine Felsenkirche mit Fresken, Verbindungstunnel und fast tausend Räume. Nach der Reinigung und Restaurierung wurde ein Teil am 20. Juli 2020 für Besucher geöffnet. Das ist derselbe Kalendertag wie beim Provinzgesetz von 1954.

Bei einem Besuch kannst du mitten in der heutigen Stadt stehen und in den Fels darunter blicken. Für einen Ort namens „neue Stadt“ ist das eine ungewöhnliche Wendung.

Zeitleiste

  • 5000–3000 v. Chr.: Kupfersteinzeitliche Funde in der Civelek-Höhle in Gülşehir.
  • 1243: Nach der Schlacht vom Kösedağ gerät die Region unter mongolisch-ilchanidischen Einfluss.
  • 1514: Jahreszahl auf der Inschrift der Yavuz-Sultan-Selim-Brücke bei Özkonak.
  • 1518: Muşkara ist als Dorf im Unterbezirk Uçhisar des Bezirks Ürgüp im Sandschak Niğde verzeichnet.
  • Frühes 18. Jahrhundert: Die Bau- und Ansiedlungsmaßnahmen von Damat İbrahim Pascha machen aus Muşkara Nevşehir.
  • 1726–1727: Die Kurşunlu-Moschee im Stadtzentrum wird gebaut.
  • 1729: Datierung der Konstantin-und-Helena-Kirche in Mustafapaşa.
  • 1779: Die Karavezir-Moschee, auch Kurşunlu genannt, wird in Gülşehir gebaut.
  • 1910: Jahreszahl auf der griechischen Inschrift des Mustafa-Savaş-Hauses.
  • 20. Juli 1954: Das Gesetz zur Erhebung Nevşehirs zur Provinz tritt in Kraft.
  • 1985: Göreme und die Felsstätten von Kappadokien werden in die UNESCO-Liste aufgenommen.
  • 2014: Kayaşehir wird bei Stadterneuerungsarbeiten entdeckt.
  • 20. Juli 2020: Ein Teil von Kayaşehir öffnet für Besucher.

Details, die du nicht in Reiseführern findest

  • Die Zählung von 1518. Muşkaras Steuerregister nennt 86 Haushalte und 19 unverheiratete Männer, sämtlich nichtmuslimisch.
  • Ein amtlicher Zweitname. Osmanische Schreiben nennen die Stadt gelegentlich Nevşehr-i Dilârâ.
  • Ein Dichter an der Bibliothek. Die Inschrift von 1727 an der Bibliothek Damat İbrahim Paschas enthält Verse von Nedim.
  • Die Steintransporteure. Nomadische Gruppen, darunter die Turkmenen der Boynuinceli und Kocabeyoğlu, wurden zum Transport von Bausteinen verpflichtet.
  • Ein gemeinsames Datum. Das Provinzgesetz von 1954 und die Eröffnung von Kayaşehir 2020 fallen beide auf den 20. Juli.
  • Adler in Mustafapaşa. Im unteren Geschoss des Mustafa-Savaş-Hauses befinden sich einander zugewandte Adlerfiguren.

FAQ

Was bedeutet der Name Nevşehir?

Er bedeutet „neu gegründete Stadt“. Den Namen erhielt Muşkara, nachdem der Ort im frühen 18. Jahrhundert durch Bau- und Ansiedlungsmaßnahmen gewachsen war.

Wie hieß Nevşehir früher?

Muşkara. Ein osmanisches Register von 1518 führt den Ort als Dorf im Unterbezirk Uçhisar des Bezirks Ürgüp im Sandschak Niğde.

Wer ließ die heutige Stadt entstehen?

Damat İbrahim Pascha. Er ließ 1726–1727 die Kurşunlu-Moschee und ihren Gebäudekomplex errichten. Außerdem erwirkte er einen Markt am Montag und Donnerstag sowie einen dauerhaft in der Stadt ansässigen Richter.

Wann wurde Nevşehir zur Provinz?

Das Gesetz Nr. 6429 legte den 20. Juli 1954 als Datum seines Inkrafttretens fest.

Ist Nevşehir das antike Nyssa?

Die Verbindung wird vorgeschlagen, ist aber nicht geklärt. Auch Nar wurde als Standort von Nyssa genannt.

Quellen

  1. TDV Islam-Enzyklopädie — Nevşehir islamansiklopedisi.org.tr
  2. Kulturportal der Türkei — Nevşehir kulturportali.gov.tr
  3. Provinzmuftiamt Nevşehir — Wiedereröffnung der Kurşunlu-Moschee nevsehir.diyanet.gov.tr
  4. Kulturportal der Türkei — Kurşunlu-Moschee in Gülşehir kulturportali.gov.tr
  5. Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Nevşehir — Direktion der öffentlichen Provinzbibliothek nevsehir.ktb.gov.tr
  6. Belleten — Der Stamm Boynuincelü nach den Bevölkerungsregistern (1830–1845) belleten.gov.tr
  7. Kulturportal der Türkei — Yavuz-Sultan-Selim-Brücke kulturportali.gov.tr
  8. Landratsamt Avanos — Die historischen Brücken von Avanos avanos.gov.tr
  9. Open-Access-Repositorium der Bursa Uludağ Üniversitesi — Studie zur Wohnhausarchitektur von Mustafapaşa acikerisim.uludag.edu.tr
  10. Universität Nevşehir — Savaş Yıldırım, Zwei Häuser mit Wandmalereien in Mustafapaşa, Ürgüp dosyalar.nevsehir.edu.tr
  11. UNESCO-Welterbezentrum — Nationalpark Göreme und die Felsstätten von Kappadokien whc.unesco.org
  12. Anadolu Ajansı — Das historische Kayaşehir empfängt tagsüber und nachts Touristen aa.com.tr
  13. TBMM — Gesetz Nr. 6429 www5.tbmm.gov.tr

FAQ

Was bedeutet der Name Nevşehir?

Er bedeutet „neu gegründete Stadt“. Den Namen erhielt Muşkara, ein Dorf, das im frühen 18. Jahrhundert durch Bau- und Ansiedlungsmaßnahmen wuchs.

Wie hieß Nevşehir früher?

Die Siedlung hieß Muşkara. Ein osmanisches Register von 1518 führt sie als Dorf im Unterbezirk Uçhisar, der zum Bezirk Ürgüp im Sandschak Niğde gehörte.

Wer ließ die heutige Stadt Nevşehir entstehen?

Damat İbrahim Pascha, bekannt als Nevşehirli, trieb die Entwicklung voran. Er ließ 1726–1727 die Kurşunlu-Moschee sowie den umliegenden Gebäudekomplex errichten. Außerdem erwirkte er einen Markt an zwei Wochentagen und einen dauerhaft in der Stadt ansässigen Richter.

Wann wurde Nevşehir zur Provinz?

Das Gesetz Nr. 6429 zur Gründung der Provinz legte den 20. Juli 1954 als Datum seines Inkrafttretens fest.

Ist Nevşehir die antike Stadt Nyssa?

Diese Gleichsetzung wird vorgeschlagen, ist aber nicht geklärt. Auch Nar wurde als Standort genannt. Die Islam-Enzyklopädie der Türkischen Religionsstiftung hält die Frage weiterhin für offen.

Image: Nevşehir Damat Ibrahim Pasha complex in 2023 5091.jpg — Dosseman, CC BY-SA 4.0

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