Stell dir einen steinernen Wald ohne Dach auf einem Hügel im Westen der Türkei vor. In Reihen stehen Säulen, höher als ein sechsstöckiges Gebäude. Im Inneren liegt ein abgesenkter Hof, über dem nie ein Dach errichtet wurde. Das ist der Apollontempel von Didyma (Didim). Hier stellten Könige Fragen zu ihrer Zukunft. Zugleich war der Ort eine Baustelle, die nie zum Abschluss kam.
Wo liegt Didyma in der Türkei?
Didyma liegt in der Türkei, nicht in Griechenland. Der Apollontempel steht im Viertel Hisar des Bezirks Didim in der Provinz Aydın.
In der Antike gehörte das Heiligtum zur bedeutenden Stadt Milet (Milet). Es lag außerhalb der Stadt, etwa 20 Kilometer entfernt. Wenn du die Ruinen betrachtest, siehst du also das ländliche Heiligtum einer großen Hafenstadt und kein Stadtzentrum.
Was bedeutet Didyma?
Das griechische Wort didyma bedeutet „Zwillinge“. Viele verbinden es mit Apollon und seiner Zwillingsschwester Artemis. Diese Deutung ist verbreitet, aber nicht die einzige. Einer anderen Theorie zufolge ist der Ortsname karischen Ursprungs. Trifft das zu, leitet sich der Name nicht unmittelbar von den göttlichen Zwillingen ab.
Für die englische Aussprache geben englischsprachige Nachschlagewerke /ˈdɪdɪmə/ an. Die Betonung liegt auf der ersten Silbe.
Das Heiligtum und sein Orakel
Didyma war mehr als ein Bauwerk. Es war ein Orakelzentrum des Apollon, das mit einer heiligen Quelle verbunden war. Antike Autoren zählten es neben Delphi und Dodona zu den wichtigsten griechischen Orakeln.
Nicht nur gewöhnliche Menschen suchten hier Rat. Zu den Herrschern, die in Didyma Weissagungen erbaten, gehörten Pharao Necho II. von Ägypten und König Krösus von Lydien. Sie stifteten dem Heiligtum auch wertvolle Weihgaben.
Zum Kultpersonal gehörten:
- der Prophet, der oberste Priester des Apollon;
- eine Seherin, die an der Weissagung mitwirkte;
- die Hydrophoros, eine Priesterin der Artemis.
Apollontempel: Wie alt ist das Heiligtum?
Einige antike Texte behaupten, Didyma sei bereits vor der Ankunft der griechischen Siedler gegründet worden. Die Archäologie bestätigt das nicht. Die Universität Halle datiert die frühesten Bauten und Funde an das Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr.
Im 6. Jahrhundert v. Chr. entstand hier ein monumentaler Apollontempel. Zusammen mit dem Artemision von Ephesos (Efes) und dem Heraion auf Samos (Sisam) gehörte er zu den größten Tempeln der archaischen Zeit.
Aus demselben Jahrhundert stammt die Prozessionsstraße. Diese Heilige Straße führte über etwa 20 Kilometer von Milet nach Didyma. Auf ihr zogen die Prozessionen zum Heiligtum. Sie verlief am Hafen von Panormos im heutigen Mavişehir vorbei.
Die Perser, eine geraubte Statue und ihre Rückkehr
494 v. Chr. griffen die Perser Milet an. Anschließend nahmen sie den Apollontempel von Didyma ein und plünderten ihn.
Die Perser verschleppten auch die bronzene Kultstatue des Apollon. Geschaffen hatte sie Kanachos von Sikyon. Sie gelangte nach Ekbatana. Um 300 v. Chr. brachte Seleukos I. Nikator sie nach Didyma zurück.
Der unvollendete Riese
Der Bau des Tempels, dessen Ruinen du heute siehst, begann im 4. Jahrhundert v. Chr. Vollständig fertig wurde er nie. Nach Angaben des Deutschen Archäologischen Instituts wurde mit Unterbrechungen etwa fünf Jahrhunderte lang daran gearbeitet. Dennoch blieb der Tempel unvollendet.
Die Maße machen die Dimensionen deutlich:
- Die Plattform, auf der die Säulen stehen, misst etwa 51 × 109 Meter.
- Der siebenstufige Unterbau darunter misst etwa 60 × 120 Meter.
- Die ionischen Säulen rings um das Gebäude sind 19,70 Meter hoch.
Dieser Grundriss heißt Dipteros. Das bedeutet, dass eine doppelte Säulenreihe den Bau außen umgibt. Stell dir ein Haus mit zwei ineinanderliegenden Veranden vor, die ringsherum verlaufen.
Der Hof ohne Dach
Der ungewöhnlichste Teil liegt im Zentrum des Tempels. Dort befindet sich ein großer offener Hof ohne Steinpflaster. Diese besondere Gestaltung hängt mit der Funktion des Bauwerks als Orakelstätte zusammen.
Im Hof standen zwei Dinge: eine heilige Quelle und ein kleiner Schrein, ein sogenannter Naiskos. Im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. wurde der hellenistische Naiskos abgetragen. An seiner Stelle entstand im Hof eine christliche Basilika.
Zeittafel
- Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr.: Die frühesten Bauten und Funde im Heiligtum.
- 6. Jahrhundert v. Chr.: Der archaische Apollontempel und die Heilige Straße für Festprozessionen entstehen.
- 494 v. Chr.: Die Perser greifen Milet an und plündern den Tempel von Didyma.
- 4. Jahrhundert v. Chr.: Die Arbeiten an dem großen Tempel beginnen, dessen Ruinen erhalten sind.
- Um 300 v. Chr.: Seleukos I. bringt die Apollonstatue aus Ekbatana zurück.
- Etwa 230–100 v. Chr.: Jährliche Bauberichte werden auf Steinplatten veröffentlicht.
- 200 v. Chr.: Das Fest der Didymeia beginnt und findet alle vier Jahre statt.
- 5.–6. Jahrhundert n. Chr.: Eine christliche Basilika ersetzt den Naiskos.
- 1906–1913: Wissenschaftliche Ausgrabungen legen den Tempel vollständig frei.
- 1962: Das Deutsche Archäologische Institut nimmt die Forschung wieder auf.
- 1979: Lothar Haselberger entdeckt antike Zeichnungen in den Hofwänden.
- 2014: Eine neue Bauberichtsinschrift aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. wird gefunden.
- 2023: Eine Studie untersucht einen Planungsfehler an einer unvollendeten Säule.
Feste: die Didymeia
Didyma hatte auch eine lebhafte Seite. Die Didymeia wurden zu Ehren Apollons gefeiert. Ab 200 v. Chr. fanden sie alle vier Jahre statt, mit sportlichen und musikalischen Wettkämpfen. Wenn du den olympischen Rhythmus mit einem großen Ereignis alle vier Jahre kennst, ist dir dieses Muster bereits vertraut.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
Der Hof liegt tief. Der Boden des offenen Innenhofs liegt etwa vier Meter unter dem Säulenumgang, der ihn umgibt. Du schaust also in ihn hinab, nicht auf gleicher Höhe hinein.
Die Bauleute veröffentlichten Fortschrittsberichte. Von etwa 230 bis 100 v. Chr. gab die Verwaltung des Heiligtums den Stand der Bauarbeiten in jährlichen Berichten bekannt. Diese wurden in große Steinplatten gemeißelt. Denk an die Informationstafel vor einer Baustelle in deinem Viertel. Hier waren die Angaben in Stein gehauen und öffentlich lesbar.
Ein Bericht aus dem Fundjahr 2014. Ein 2014 gefundener Baubericht stammt aus den späten 170er-Jahren v. Chr. Er dokumentiert die Steinbrüche am Berg Grion, den Transport von Steinblöcken und die 28. Steinlage der Tempelmauer.
Baupläne in den Wänden. 1979 entdeckte Lothar Haselberger antike Architekturzeichnungen, die in die Wände des Hofs eingeritzt waren. Es handelt sich um Werkzeichnungen direkt von der Baustelle.
Eine Säule mit einem Fehler. Eine Studie von 2023 untersuchte eine der unvollendeten, etwa 20 Meter hohen Säulen. Sie kam zu dem Schluss, dass die Durchmesser der Säulentrommeln so geplant waren, dass sich daraus kein korrektes Säulenprofil ergeben konnte.
Wiederentdeckung und Forschung
Wissenschaftliche Ausgrabungen zwischen 1906 und 1913 legten den Tempel vollständig frei. Teile wurden wieder aufgerichtet. 1962 nahm das Deutsche Archäologische Institut die Forschung wieder auf.
Seitdem hat sich der Schwerpunkt vom Graben zum Lesen verlagert. Anhand der Inschriften und Wandzeichnungen können Forschende nachvollziehen, wie die antiken Bauleute den Tempel planten.
FAQ
Wo liegt der Apollontempel von Didyma?
Er liegt im Viertel Hisar des Bezirks Didim in der Provinz Aydın in der Türkei. In der Antike war er das Heiligtum außerhalb des etwa 20 Kilometer entfernten Milet.
Was bedeutet Didyma?
Auf Griechisch bedeutet es „Zwillinge“. Manche verbinden den Namen mit Apollon und Artemis. Einer anderen Theorie zufolge ist der Ortsname karischen Ursprungs.
Warum wurde der Tempel nie fertig?
An dem Tempel wurde mit Unterbrechungen etwa fünf Jahrhunderte lang gearbeitet. Dennoch blieb er unvollendet. Die Maße zeigen die Größenordnung: 19,70 Meter hohe Säulen und ein Unterbau von etwa 60 × 120 Metern.
War Didyma so berühmt wie Delphi?
Es zählte neben Delphi und Dodona zu den wichtigsten griechischen Orakelzentren. Necho II. von Ägypten und Krösus von Lydien suchten dort Weissagungen.
Wie spricht man Didyma aus?
Englischsprachige Nachschlagewerke geben /ˈdɪdɪmə/ an. Die Betonung liegt auf der ersten Silbe.
Quellen
- Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei — Apollontempel von Didim muze.gov.tr
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg — Geschichte von Didyma ikakla.uni-halle.de
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg — Grabungsgeschichte ikakla.uni-halle.de
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg — Neuedition der Bauberichte von Didyma ikakla.uni-halle.de
- Deutsches Archäologisches Institut — Antike Bauabläufe am Apollontempel publications.dainst.org
- Deutsches Archäologisches Institut — Günther und Prignitz, Ein neuer Jahresbericht publications.dainst.org
- Deutsches Archäologisches Institut — Haselberger, Koenigsaecker und Prignitz, Architekturforschungen in Didyma II publications.dainst.org
- Encyclopaedia Iranica — Didyma iranicaonline.org
- Englischsprachige Wikipedia — Didyma en.wikipedia.org
- Türkischsprachige Wikipedia — Didyma tr.wikipedia.org
Image: Temple of Apollo, Didyma 01.jpg — Bernard Gagnon, CC BY-SA 3.0






