Republik Türkei · 1923 –

Fortschrittliche Republikanische Partei der Türkei

Die am 17. November 1924 in Ankara gegründete Fortschrittliche Republikanische Partei war die erste Oppositionspartei der Republik Türkei. Ihr Programm bekannte sich zu Liberalismus und Demokratie, doch im Juni 1925 ließ die Regierung sie wegen umstrittener Vorwürfe zur Verbindung von Religion und Politik schließen.

8 Min. Lesezeit7 QuellenVeröffentlicht: 3 November 2026Zuletzt geprüft: 3 November 2026
Redaktion von Köküne Kadar TVUnsere Quellengrundsätze

Was war die Fortschrittliche Republikanische Partei in der Türkei?

Die Fortschrittliche Republikanische Partei (Terakkiperver Cumhuriyet Fırkası) war die erste Oppositionspartei der Republik Türkei. Sie wurde am 17. November 1924 in Ankara gegründet und hatte dort auch ihren Sitz. Die Regierung ordnete am 3. Juni 1925 ihre Schließung an. Damit endete ihre kurze politische Tätigkeit.

Die Gründer befürchteten, dass eine Regierung ohne Opposition autoritär werden könnte. Ihr Programm erkannte die Republik als Staatsform an. Zugleich nannte es Liberalismus und Demokratie als Grundprinzipien der Partei. Nach ihrem erklärten Verständnis gehörte Opposition zum republikanischen System.

Wenn du dich mit der Geschichte der türkischen Republik beschäftigst, begegnet dir hier ein konkreter Streit um politische Macht. Das Parteiprogramm forderte Dezentralisierung und einen neutralen Staatspräsidenten. Die Schließung warf eine andere Frage auf: Wie viel Handlungsspielraum hatte eine Oppositionspartei, wenn die Regierung über weitreichende Notstandsbefugnisse verfügte?

Wie hieß die Fortschrittliche Republikanische Partei auf Türkisch?

Den türkischen Namen findest du oben neben der deutschen Bezeichnung. Gegründet wurde die Organisation in Ankara. Am 17. November 1924 übergab Ali Fuat Pascha dem Innenminister Recep Bey den Gründungsantrag. Dazu reichte er das Programm, die Satzung und die Gründungserklärung ein.

Die fünf führenden Gründer waren Kâzım Karabekir, Rauf Orbay, Ali Fuat Cebesoy, Refet Bele und Adnan Adıvar. Karabekir wurde am 26. November 1924 Vorsitzender. Adıvar und Orbay übernahmen die stellvertretenden Vorsitzendenposten. Cebesoy wurde Generalsekretär. Diese Namen verbinden die Gründungsunterlagen mit der Parteiführung.

Durch Austritte aus der Volkspartei wuchs ihre Unterstützung im Parlament. Bis zum 22. November 1924 hatten 32 Abgeordnete die Volkspartei verlassen. Davon schlossen sich 28 der Fortschrittlichen Republikanischen Partei an. Vier blieben unabhängig. Die Zahlen unterscheiden somit zwischen allen Ausgetretenen und jenen, die der neuen Oppositionspartei beitraten.

Wofür stand die Fortschrittliche Republikanische Partei?

Die ersten beiden Artikel des Programms legten das republikanische und liberale Bekenntnis fest. Der erste bestimmte die Republik als Staatsform. Der zweite erklärte Liberalismus und Demokratie zu Grundprinzipien. Diese Bestimmungen bieten dir eine verlässlichere Grundlage zum Verständnis der Partei als ihr englischer Name allein.

Die Partei trat für Dezentralisierung ein. Außerdem sollte der Staatspräsident politisch neutral bleiben und sein Parlamentsmandat aufgeben. Diese Vorschläge betrafen die Verteilung staatlicher Macht. Sie bezogen sich sowohl auf das Verhältnis zwischen Zentralregierung und örtlichen Verwaltungen als auch auf die Stellung des Präsidenten im politischen Leben.

Artikel acht sah direkte Wahlen der Abgeordneten durch das Volk in einem einzigen Wahlgang vor. Artikel 13 sollte Staatsbediensteten, deren Gehälter aus dem Staatshaushalt bezahlt wurden, die Mitgliedschaft in jeder politischen Partei untersagen. Zusammen mit der Neutralität des Präsidenten sollten diese Bestimmungen die Überschneidung von öffentlichem Amt und Parteizugehörigkeit konkret begrenzen.

Artikel 13 kannst du dir am Alltag eines Staatsbediensteten verdeutlichen: Es ging um sein Gehalt und seine Parteimitgliedschaft. Die vorgeschlagene Regel galt für Bedienstete, die ihr Gehalt aus dem Staatshaushalt erhielten. Die praktische Frage war einfach: Sollte jemand, der vom Staat bezahlt wurde, zugleich einer politischen Partei angehören dürfen? Das Programm verneinte dies.

Artikel sechs erklärte die Achtung religiöser Überzeugungen und des Glaubens. Diese Bestimmung wurde später zu einem zentralen Argument für die Schließung. Umstritten war ihre Auslegung: War sie eine Grundsatzerklärung oder eine Formulierung, die den politischen Einsatz von Religion ermöglichte?

Details, die du nicht in Reiseführern findest

Das Parteiprogramm umfasste 58 Artikel. Als Anregung dienten die Programme der britischen Konservativen Partei und der französischen Radikalsozialistischen Partei. Diese Einflüsse standen neben dem ausdrücklichen Bekenntnis zu Liberalismus und Demokratie. Das Programm enthielt zudem konkrete Vorschläge zu Wahlen, zum Staatsdienst und zum Amt des Staatspräsidenten.

Die erste Zweigstelle entstand in Urfa. Danach begann der Aufbau von Parteistrukturen in Sivas, Istanbul, Ordu und Trabzon. Bis Ende Dezember 1924 war dieser Aufbau jedoch nur in Sivas abgeschlossen. Die Eröffnung einer Zweigstelle und der Abschluss des örtlichen Organisationsaufbaus waren also unterschiedliche Etappen der Ausbreitung.

Auch die Einreichung der Gründungsunterlagen und die Ernennung des Vorsitzenden fielen auf verschiedene Tage. Ali Fuat Pascha reichte die Dokumente am 17. November ein. Karabekir wurde am 26. November Vorsitzender. Parteigründung, Gewinnung von Abgeordneten und Besetzung der Führung verteilten sich auf mehrere Ereignisse dieses Monats.

Wie veränderte der Scheich-Said-Aufstand die Lage der Partei?

Der Scheich-Said-Aufstand (Şeyh Said) begann am 13. Februar 1925. Die Fortschrittliche Republikanische Partei unterstützte die Maßnahmen der Regierung gegen ihn. Gleichzeitig lehnte sie außerordentliche Vollmachten ab. Ihre Haltung verband damit die Unterstützung staatlicher Maßnahmen mit Einwänden gegen das Ausmaß der Regierungsbefugnisse.

Das Takrir-i-Sükûn-Gesetz wurde am 4. März 1925 verabschiedet. Es gab der Regierung weitreichende Befugnisse und lieferte die rechtliche Grundlage für die Schließung der Partei. Die frühere Sorge der Opposition vor einer Machtkonzentration traf nun auf ein Gesetz, das ein Vorgehen gegen ihre eigene Organisation ermöglichte.

In diese Zeit fiel auch die Strafverfolgung eines örtlichen Parteiorganisators. Oberstleutnant a. D. Mehmet Fethi Bey arbeitete am Aufbau der Partei in Urfa, Siverek und Mardin. Sein Prozess vor dem Östlichen Unabhängigkeitsgericht begann am 30. April 1925. Ihm wurde vorgeworfen, Religion für politische Zwecke zu nutzen.

Mehmet Fethi Bey wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Fall betraf einen namentlich bekannten Organisator und dessen Tätigkeit. Der weiterreichende historische Streit dreht sich um das Verhältnis zwischen der Partei und dem Aufstand. Der Historiker Walter F. Weiker hielt es für äußerst schwierig, eine solche Verbindung nachzuweisen.

Warum wurde die Fortschrittliche Republikanische Partei verboten?

Am 3. Juni 1925 ordnete das Kabinett auf Grundlage des Takrir-i-Sükûn-Gesetzes die Schließung sämtlicher Parteizentralen und Zweigstellen an. Die Entscheidung betraf die gesamte Organisation. Sie beendete den Versuch der Partei, unter Karabekirs Vorsitz eine republikanische Opposition aufrechtzuerhalten.

Die offizielle Begründung konzentrierte sich auf Artikel sechs. Der Schließungsbeschluss behauptete, dessen Formulierung zum religiösen Glauben sei dazu genutzt worden, Religion in die Politik hineinzutragen und reaktionäre Kreise zu ermutigen. Dies war der Vorwurf der Regierung. Die Parteiführung bestritt sowohl den Vorwurf als auch diese Auslegung ihres Programms.

Rauf Orbay verteidigte Artikel sechs später in seinen Memoiren. Er erklärte, die Bestimmung habe religiösen Fanatismus und die politische Instrumentalisierung von Religion verhindern sollen. Seine Darstellung rückte denselben Artikel in ein anderes Licht als die offizielle Begründung der Regierung für die Schließung.

Auch Ali Fuat Pascha und weitere Parteimitglieder wiesen die Vorwürfe zurück. Sie beschrieben ihre Tätigkeit als rechtmäßige Opposition auf Grundlage der Verfassung. Ihre Verteidigung griff die Position der Parteigründer wieder auf: Eine Oppositionsorganisation konnte die Republik anerkennen und zugleich die Machtausübung der Regierung infrage stellen.

Weikers Deutung hält eine weitere Unterscheidung fest. Er hielt es für äußerst schwierig, die Partei mit dem Scheich-Said-Aufstand in Verbindung zu bringen. Mögliche Kontakte zwischen einzelnen örtlichen Mitgliedern und Aufständischen schloss er dennoch nicht aus. Mögliche örtliche Kontakte und eine nachgewiesene Verbindung der Partei als Organisation sind unterschiedliche Behauptungen.

Zeitleiste

  • 17. November 1924: Die Fortschrittliche Republikanische Partei wird in Ankara gegründet.
  • 26. November 1924: Kâzım Karabekir wird Vorsitzender.
  • 13. Februar 1925: Der Scheich-Said-Aufstand beginnt.
  • 4. März 1925: Das Takrir-i-Sükûn-Gesetz wird verabschiedet.
  • 30. April 1925: Der Prozess gegen Mehmet Fethi Bey vor dem Östlichen Unabhängigkeitsgericht beginnt.
  • 3. Juni 1925: Das Kabinett ordnet die Schließung sämtlicher Parteizentralen und Zweigstellen an.
  • 4. Juni 1925: Laut der Veröffentlichung des Atatürk-Forschungszentrums tritt der Schließungserlass in Kraft.

Warum nennen Darstellungen unterschiedliche Daten für die Schließung?

Die Veröffentlichung des Atatürk-Forschungszentrums unterscheidet zwischen der Kabinettsentscheidung vom 3. Juni 1925 und dem Inkrafttreten des Erlasses am 4. Juni. Die englischsprachige Wikipedia nennt den 5. Juni als Schließungsdatum. Wenn du auf unterschiedliche Daten stößt, erklärt die Unterscheidung zwischen Beschluss und Umsetzung einen Teil der Abweichung.

Am deutlichsten wird die Abfolge, wenn die gesondert benannten Vorgänge getrennt bleiben: Das Kabinett beschloss die Schließung am 3. Juni. Laut dem Atatürk-Forschungszentrum trat der Erlass am 4. Juni in Kraft. Diese Trennung macht die letzten Tage der Partei leichter nachvollziehbar, ohne jedes genannte Datum demselben Ereignis zuzuordnen.

FAQ

Wer führte die Fortschrittliche Republikanische Partei?

Kâzım Karabekir wurde am 26. November 1924 Vorsitzender. Rauf Orbay und Adnan Adıvar waren stellvertretende Vorsitzende. Ali Fuat Cebesoy war Generalsekretär.

War sie eine republikanische oder eine liberale Partei?

Ihr Programm verband beide Positionen. Es erkannte die Republik als Staatsform an und bezeichnete Liberalismus und Demokratie als Grundprinzipien.

Unterstützte die Partei den Scheich-Said-Aufstand?

Die Partei unterstützte die Maßnahmen der Regierung gegen den Aufstand, lehnte jedoch außerordentliche Vollmachten ab. Ihre Führung wies die während des Schließungsverfahrens erhobenen Vorwürfe zurück. Eine direkte organisatorische Verbindung zum Aufstand bleibt umstritten.

Was beendete ihre kurze Existenz?

Der Schließungsbeschluss des Kabinetts vom 3. Juni 1925 erfasste sämtliche Parteizentralen und Zweigstellen. Er stützte sich auf das Takrir-i-Sükûn-Gesetz, das am 4. März desselben Jahres verabschiedet worden war.

Quellen

  1. Wikipedia — Fortschrittliche Republikanische Partei tr.wikipedia.org
  2. Wikipedia — Fortschrittliche Republikanische Partei (Türkei)) en.wikipedia.org
  3. Atatürk-Enzyklopädie — Fortschrittliche Republikanische Partei ataturkansiklopedisi.gov.tr
  4. Zeitschrift des Atatürk-Forschungszentrums — Die Deutung der Entwicklungen in den ersten Jahren der Republik durch die Presse atamdergi.gov.tr
  5. Atatürk-Forschungszentrum — Geschichte der Republik Türkei II atam.gov.tr
  6. Ahmet Yeşil — Der Prozess gegen Mehmet Fethi Bey vor dem Östlichen Unabhängigkeitsgericht dergipark.org.tr
  7. Resul Babaoğlu — Der Fall der Fortschrittlichen Republikanischen Partei und sein Verlauf im Spiegel des Nutuk und der Memoiren dergipark.org.tr

FAQ

Was war die Fortschrittliche Republikanische Partei in der Türkei?

Sie war die erste Oppositionspartei der Republik Türkei und wurde am 17. November 1924 in Ankara gegründet. Ihr Programm bezeichnete Liberalismus und Demokratie als ihre Grundprinzipien.

Wie heißt die Fortschrittliche Republikanische Partei auf Türkisch?

Ihr türkischer Name lautet Terakkiperver Cumhuriyet Fırkası. Kâzım Karabekir wurde am 26. November 1924 ihr Vorsitzender.

Warum wurde die Fortschrittliche Republikanische Partei verboten?

Die Regierung warf der Partei vor, Religion für politische Zwecke zu nutzen und reaktionäre Kreise zu ermutigen. Die Parteiführung wies diese Vorwürfe zurück. Das Kabinett ordnete am 3. Juni 1925 auf Grundlage des Takrir-i-Sükûn-Gesetzes die Schließung der Partei an.

Stand die Partei mit dem Scheich-Said-Aufstand in Verbindung?

Dieser Zusammenhang bleibt umstritten. Der Historiker Walter F. Weiker hielt es für äußerst schwierig, eine Verbindung zwischen der Partei und dem Aufstand nachzuweisen. Mögliche Kontakte einzelner örtlicher Mitglieder schloss er jedoch nicht aus.

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