Was ist der Vertrag von Lausanne?
Der Vertrag von Lausanne ist der Friedensvertrag, der den Türkischen Unabhängigkeitskrieg beendete. Die Türkei hatte den Krieg auf dem Schlachtfeld gewonnen. Lausanne machte aus diesem Sieg die internationale Anerkennung der Unabhängigkeit des neuen türkischen Staates. Der Vertrag ersetzte den am 10. August 1920 unterzeichneten Vertrag von Sèvres.
Artikel 1 nannte die Vertragsparteien: die Türkei, das Britische Empire, Frankreich, Italien, Japan, Griechenland, Rumänien und den Staat der Serben, Kroaten und Slowenen. Der vollständige Text umfasst 143 Artikel. Wenn du heute durch die Türkei reist, begegnen dir seine Folgen überall: an den Landgrenzen, die du überquerst, auf den Inseln, die du mit der Fähre erreichst, und beim Ende rechtlicher Sonderprivilegien für Ausländer.
Wo wurde der Vertrag von Lausanne unterzeichnet?
Der Vertrag wurde am 24. Juli 1923 in Lausanne (Lozan) in der Schweiz unterzeichnet. Schauplatz war der Aula-Saal des Palais de Rumine. Das Gebäude gibt dem Vertrag seinen Namen.
Wenn du im Palais de Rumine nach dem Tisch suchst, an dem der Vertrag unterzeichnet wurde, wirst du ihn dort nicht finden. Im November 2008 schenkte der Schweizer Bundespräsident den Tisch dem türkischen Staatspräsidenten.
Vertrag von Lausanne 1923: eine Konferenz in zwei Runden
Die Konferenz von Lausanne begann am 20. November 1922. Am 4. Februar 1923 scheiterten die Gespräche. Sie wurden am 23. April 1923 wieder aufgenommen und dauerten bis zur Unterzeichnung im Juli. Die türkische Delegation führte der Chefdelegierte İsmet Pascha. Rıza Nur war zweiter Delegierter, Hasan Saka Delegierter.
Mit der Unterzeichnung war das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Die Große Nationalversammlung der Türkei ratifizierte den Vertrag am 23. August 1923. Er trat am 6. August 1924 in Kraft, mehr als ein Jahr nach der Unterzeichnungszeremonie.
Bestimmungen des Vertrags von Lausanne: die Grenzen
Die Grenze zu Griechenland verläuft entlang der Mariza. Artikel 2 bestimmte das Flussbett als Grenzlinie auf dem Abschnitt bis zur Ägäis (Ege Denizi). Die Grenze zu Syrien wurde nicht von Grund auf neu gezogen. Artikel 3 übernahm Artikel 8 des türkisch-französischen Abkommens von Ankara vom 20. Oktober 1921.
Die Grenze zum Irak, die sogenannte Mossulfrage, blieb offen. Artikel 3 gab der Türkei und Großbritannien neun Monate Zeit, sie durch Verhandlungen festzulegen. Falls keine Einigung gelang, sollte die Angelegenheit an den Völkerbundrat gehen.
Die Inseln wurden in einzelnen Artikeln behandelt. Artikel 12 bestätigte die griechische Souveränität über eine Gruppe ägäischer Inseln. Ausgenommen waren Imbros (Gökçeada), Tenedos (Bozcaada) und die Kanincheninseln (Tavşan Adaları). In Artikel 15 verzichtete die Türkei zugunsten Italiens auf ihre Rechte an Rhodos, den übrigen Dodekanes-Inseln und Kastellorizo (Meis). Artikel 20 erkannte die britische Annexion Zyperns an, die Großbritannien am 5. November 1914 erklärt hatte.
Hier berührt der Vertrag den Alltag. Wenn du für ein Sommerwochenende mit der Fähre nach Tenedos fährst, landest du auf einer Insel, die durch Artikel 12 im Jahr 1923 türkisch blieb.
Kapitulationen, Schulden und Kriegsschäden
Artikel 28 erkannte die vollständige Abschaffung der Kapitulationen in der Türkei in jeder Hinsicht an. Damit waren die Sonderprivilegien gemeint, die ausländische Staatsangehörige besessen hatten. Ihre Abschaffung gehörte zu den zentralen Forderungen der türkischen Seite.
Dem Grenzverlauf folgten die finanziellen Regelungen. Artikel 46 teilte die osmanischen Staatsschulden zwischen der Türkei und jenen Staaten auf, die osmanisches Gebiet übernommen oder sich vom Reich getrennt hatten. Artikel 59 betraf Griechenland. Griechenland erkannte seine Verpflichtung an, die Schäden in Anatolien (Anadolu) wiedergutzumachen, die durch Handlungen entgegen den Kriegsgesetzen entstanden waren. Angesichts der finanziellen Lage Griechenlands verzichtete die Türkei auf ihre Reparationsforderungen.
Dieser Verzicht war Teil eines Ausgleichs. Dass der Bahnhof Karaağaç an die Türkei fiel, gehörte zur Einigung über den Reparationsstreit auf der Konferenz.
Der Bevölkerungsaustausch im Zusammenhang mit dem Vertrag von Lausanne
Der Bevölkerungsaustausch stand nicht im Friedensvertrag selbst. Er wurde in einem gesonderten Abkommen geregelt, das am 30. Januar 1923 in Lausanne unterzeichnet wurde, sechs Monate vor dem Vertrag. Das Abkommen sah einen verpflichtenden Austausch griechisch-orthodoxer türkischer Staatsangehöriger mit Wohnsitz in der Türkei und muslimischer griechischer Staatsangehöriger mit Wohnsitz in Griechenland vor.
Zwei Gruppen waren ausgenommen. Artikel 2 schloss die Griechen von Istanbul und die Muslime Westthrakiens nach den Definitionen des Abkommens vom Austausch aus. Artikel 3 griff zeitlich zurück. Er erfasste Griechen und Muslime, die die betreffenden Gebiete bereits seit dem 18. Oktober 1912 verlassen hatten.
Der Friedensvertrag ergänzte dies durch eine entsprechende Klausel. Artikel 45 bestimmte, dass die für nichtmuslimische Minderheiten in der Türkei anerkannten Rechte auch für die muslimische Minderheit in Griechenland gelten sollten.
Der Vertrag von Lausanne und Kurdistan
Der Vertrag enthält keine besondere Bestimmung zu den Kurden oder zu Kurdistan. Darauf verweist Rafaats Studie, die bei Brill in der Reihe Kurdish Studies erschienen ist. Wenn du die 143 Artikel nach dem Wort Kurdistan durchsuchst, wirst du es nicht finden.
Die Meerengen: von Lausanne zu Montreux
Aus den Verhandlungen in Lausanne ging auch ein Meerengenabkommen hervor. Seine Regelung hatte keinen dauerhaften Bestand. Das am 20. Juli 1936 unterzeichnete Abkommen von Montreux ersetzte die Lausanner Regelung für die Meerengen. Das türkische Außenministerium veröffentlicht den Text von Montreux weiterhin in seinem Bericht über die Meerengen.
Vertrag von Lausanne 1912: zwei Verträge, ein Name
Wer nach einem Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1912 sucht, liegt nicht falsch. Der am 18. Oktober 1912 unterzeichnete Vertrag von Ouchy ist ebenfalls als Vertrag von Lausanne bekannt. Artikel 22 des Vertrags von 1923 hob die Rechte an Libyen auf, die aus dem Vertragstext von 1912 fortbestanden. So verband ein einziger Artikel zwei Friedensverträge mit demselben Ortsnamen.
Das Datum ist auch an anderer Stelle wichtig. Das Abkommen zum Bevölkerungsaustausch verwendete in Artikel 3 denselben Tag, den 18. Oktober 1912, als Stichtag.
Lief der Vertrag von Lausanne 2023 aus?
Nein. Vor dem hundertsten Jahrestag war die Behauptung weit verbreitet, der Vertrag von Lausanne werde 2023 auslaufen. Die Große Nationalversammlung der Türkei antwortete darauf mit einer Erklärung vom 4. Januar 2023. Der Vertrag gilt unbefristet und enthält keine Hundertjahresklausel.
Eine damit verbundene Behauptung besagt, geheime Artikel verböten der Türkei die Förderung von Bor und Erdöl. Der türkische Wikipedia-Eintrag zum Vertrag führt dies als Verschwörungstheorie auf. Am 4. Januar 2023 erklärte Parlamentspräsident Mustafa Şentop, dass der Vertrag keine geheimen Artikel enthält.
Vertrag von Lausanne: Text, PDF und Karte
Der englische Text ist öffentlich zugänglich. Er steht als PDF auf der Website der Vereinten Nationen, in Band 28 der Vertragssammlung des Völkerbundes unter der Nummer 701. Das türkische Außenministerium veröffentlicht den englischen Text in Teilen: politische Bestimmungen, finanzielle Bestimmungen, verschiedene Bestimmungen und das Abkommen zum Bevölkerungsaustausch.
Zum Vertrag gehörten auch Karten. Artikel 4 legte fest, dass die beigefügten Grenzkarten im Maßstab 1:1,000,000 gezeichnet waren. Bei Widersprüchen zwischen Karte und Text sollte der Text maßgeblich sein.
Zeitleiste
- 18. Oktober 1912 Der Vertrag von Ouchy wird unterzeichnet; er wird auch Vertrag von Lausanne genannt.
- 10. August 1920 Der Vertrag von Sèvres wird unterzeichnet.
- 20. November 1922 Die Konferenz von Lausanne beginnt.
- 30. Januar 1923 Das Abkommen über den Austausch der griechischen und türkischen Bevölkerung wird unterzeichnet.
- 4. Februar 1923 Die Gespräche in Lausanne werden abgebrochen.
- 23. April 1923 Die Gespräche in Lausanne werden wieder aufgenommen.
- 24. Juli 1923 Der Friedensvertrag von Lausanne wird unterzeichnet.
- 23. August 1923 Die Große Nationalversammlung der Türkei ratifiziert den Vertrag.
- 6. August 1924 Der Vertrag tritt in Kraft.
- 20. Juli 1936 Das Abkommen von Montreux wird unterzeichnet und ersetzt das Lausanner Meerengenabkommen.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
- Der verschwundene Tisch. Der Tisch, an dem der Vertrag unterzeichnet wurde, steht nicht mehr im Palais de Rumine. Der Schweizer Bundespräsident schenkte ihn im November 2008 dem türkischen Staatspräsidenten.
- Ein einziges Original. Die Schlussformel des Vertrags bestimmte, dass das einzige Original im Archiv der Regierung der Französischen Republik hinterlegt werden sollte. Die Vertragsparteien erhielten beglaubigte Abschriften.
- Text geht vor Karte. Artikel 4 legte für die beigefügten Karten den Maßstab 1:1,000,000 fest. Bei Widersprüchen mit einer Karte sollte der schriftliche Text Vorrang haben.
- Ein Stichtag im Jahr 1912. Artikel 3 des Austauschabkommens erfasste Menschen, die die betreffenden Gebiete seit dem 18. Oktober 1912 verlassen hatten, mehr als ein Jahrzehnt vor der Unterzeichnung.
- Zwei Verträge, ein Artikel. Artikel 22 des Vertrags von 1923 hob die Rechte an Libyen auf, die aus dem Vertrag von Ouchy von 1912 fortbestanden. Auch dieser war als Vertrag von Lausanne bekannt.
- Ein Bahnhof als Teil des Ausgleichs. Der Bahnhof Karaağaç fiel als Teil der Einigung im Reparationsstreit mit Griechenland an die Türkei.
FAQ
Wann und wo wurde der Vertrag von Lausanne unterzeichnet?
Er wurde am 24. Juli 1923 im Aula-Saal des Palais de Rumine in Lausanne in der Schweiz unterzeichnet. Die Große Nationalversammlung ratifizierte ihn am 23. August 1923. Am 6. August 1924 trat er in Kraft.
Ist der Vertrag von Lausanne 2023 ausgelaufen?
Nein. Die Große Nationalversammlung der Türkei erklärte am 4. Januar 2023, dass der Vertrag unbefristet gilt und keine Hundertjahresklausel enthält. Parlamentspräsident Mustafa Şentop sagte am selben Tag, dass er keine geheimen Artikel enthält.
Was beschloss Lausanne zum Bevölkerungsaustausch?
Ein gesondertes Abkommen vom 30. Januar 1923 sah einen verpflichtenden Austausch griechisch-orthodoxer türkischer Staatsangehöriger in der Türkei und muslimischer griechischer Staatsangehöriger in Griechenland vor. Artikel 2 nahm die Griechen von Istanbul und die Muslime Westthrakiens nach den dort festgelegten Definitionen davon aus.
Wo kann ich den vollständigen Text lesen?
Den englischen Text findest du als PDF auf der Website der Vereinten Nationen, in Band 28 der Vertragssammlung des Völkerbundes, Nummer 701. Auch das türkische Außenministerium veröffentlicht ihn in mehreren Teilen.
Was geschah mit der Grenze zum Irak?
Artikel 3 ließ sie offen. Die Türkei und Großbritannien hatten neun Monate Zeit für Verhandlungen. Falls keine Einigung gelang, sollte der Streit an den Völkerbundrat gehen.
Quellen
- Palais de Rumine — Aula-Saal palaisderumine.ch
- Verteidigungsministerium der Türkei — Zeit der Republik ata.msb.gov.tr
- Französisches Ministerium für Europa und auswärtige Angelegenheiten — Hundertster Jahrestag des Vertrags von Lausanne diplomatie.gouv.fr
- Große Nationalversammlung der Türkei — Friedenskonferenz von Lausanne (PDF) cdn.tbmm.gov.tr
- Außenministerium der Türkei — Friedensvertrag von Lausanne, Teil I: Politische Bestimmungen mfa.gov.tr
- Außenministerium der Türkei — Friedensvertrag von Lausanne, Teil II: Finanzielle Bestimmungen mfa.gov.tr
- Außenministerium der Türkei — Friedensvertrag von Lausanne, Teil V: Verschiedene Bestimmungen mfa.gov.tr
- Außenministerium der Türkei — Abkommen über den Austausch der griechischen und türkischen Bevölkerung mfa.gov.tr
- Ministerium für Kultur und Tourismus der Türkei — 1923 ktb.gov.tr
- Wikipedia — Vertrag von Lausanne en.wikipedia.org
- TDV İslâm Ansiklopedisi — Vertrag von Lausanne islamansiklopedisi.org.tr
- Brill — Kurdish Studies, Rafaat (PDF) brill.com
- Außenministerium der Türkei — Bericht über die türkischen Meerengen 2024, Text des Abkommens von Montreux (PDF) mfa.gov.tr
- Große Nationalversammlung der Türkei — Erklärung von Parlamentspräsident Şentop zu Behauptungen über den Vertrag von Lausanne (4. Januar 2023) tbmm.gov.tr
- Vikipedi — Vertrag von Lausanne tr.wikipedia.org
- Vereinte Nationen — Vertragssammlung des Völkerbundes, Band 28 (PDF) treaties.un.org
Image: Treaty of Lausanne 1923 (Greek).jpg — Ministry of Foreign Affairs of Greece // Υπουργείο Εξωτερικώ, Public domain






