Wer war Hadschi Bektasch Weli?
Hadschi Bektasch Weli war ein turkmenischer Scheich. Er lebte im seldschukischen Anatolien (Anadolu) des 13. Jahrhunderts. Der Bektaschi-Orden verehrt ihn als seinen Pir, seinen geistlichen Wegweiser.
Laut dem Wörterbuch der türkischen Literatur der Ahmet-Yesevi-Universität wurde er in Nischapur geboren und wuchs dort auf. Die Stadt liegt in Chorasan (Horasan). Âşıkpaşazâde berichtet, dass er mit seinem Bruder Menteş aus Chorasan nach Anatolien kam.
Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er in Sulucakarahöyük. Heute ist dieser Ort der Bezirk Hacıbektaş in Nevşehir. Dort starb er auch. Der Ort trägt bis heute seinen Namen.
Hadschi Bektasch Welis Lebensdaten: Warum sie umstritten sind
Seine Lebensdaten sind nicht eindeutig geklärt. Die türkischsprachige Wikipedia nennt 1209–1271. Das Wörterbuch der türkischen Literatur ist vorsichtiger. Es gibt das Geburtsjahr mit 1207? und das Todesjahr mit 1271? an, jeweils mit Fragezeichen.
Die Museumsseite des Kulturportals nennt dagegen 1248–1337. Diese Angabe widerspricht der Zeitspanne 1209–1271. Sie lässt sich deshalb nicht als gesicherte biografische Angabe behandeln.
Wenn du auf einem Schild 1271 liest, verstehe es als das weithin gebräuchliche Todesjahr. Bewiesen ist es nicht.
Wer prägte Hadschi Bektasch Weli?
Ahmet Yaşar Ocak stützt sich auf die Aufzeichnungen von Elvan Çelebi, Eflâkî und Âşıkpaşazâde. Er zählt Hadschi Bektasch zu den Kalifen von Baba İlyâs-ı Horasânî. Kalif bedeutet hier Stellvertreter und Nachfolger innerhalb einer sufischen Traditionslinie.
Eine Legende bringt einen weiteren Namen ins Spiel. Ihr zufolge schickte Ahmed Yesevî Hadschi Bektasch nach Anatolien. Die englischsprachige Wikipedia weist darauf hin, dass eine direkte Verbindung zwischen beiden zeitlich nicht möglich ist.
Daran zeigt sich, wie sich in dieser Geschichte Legende und schriftliche Überlieferung vermischen.
War er der Gründer des Bektaschi-Ordens?
In der Tradition steht er am Anfang. Ocak sieht das anders. Seiner Ansicht nach schuf Balım Sultan die bekannte institutionelle Form des Ordens erst im frühen 16. Jahrhundert.
Hadschi Bektasch ist also der Pir, auf den sich der Orden beruft. Als organisierte Gemeinschaft nahm der Orden nach Ocaks Deutung etwa drei Jahrhunderte später Gestalt an.
Hadschi Bektasch Welis Bücher: Vilâyetnâme und Makâlât
Zwei Texte sind besonders wichtig.
Die Vilâyetnâme ist die wichtigste Sammlung von Erzählungen über ihn. Sie wurde im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts niedergeschrieben. Das war nicht sein eigenes Jahrhundert, das 13. Jahrhundert. Lies ihre Wundererzählungen deshalb als spätere Überlieferung.
Die Makâlât ist sein bekanntestes Werk. Esad Coşans kritische Ausgabe erschien 1986. Der Text wird Hadschi Bektasch zugeschrieben. Ocak weist darauf hin, dass Historiker nicht nachgewiesen haben, dass er unmittelbar aus seiner Feder stammt.
Nesrin Sofuoğlu untersuchte den Text in einem Aufsatz von 2021. Nach ihrer Darstellung behandelt das Buch:
- tevhid, die Einheit Gottes
- den Glauben
- marifet, die geistliche Erkenntnis
- die Erschaffung des Menschen
- den Kampf gegen Satan
Als Hauptanliegen nennt sie die Bildung der Lesenden in Glauben, Gottesdienst und Ethik. Ziel ist es, den Menschen zur Stufe des insân-ı kâmil, des vollkommenen Menschen, zu führen.
Seine Lehre: Vier Tore, vierzig Stufen
Die Makâlât ist die Quelle der Lehre von den Vier Toren und vierzig Stufen. Die vier Tore heißen şeriat, tarikat, marifet und hakikat. Zu jedem Tor gehören zehn Stufen.
Zusammen ergeben sie vierzig Schritte. Dahinter steht die Vorstellung eines Weges in Etappen. Der Mensch entwickelt sich von einer Stufe zur nächsten.
Wenn du nach seinen Aussprüchen suchst, gleiche jeden mit der Makâlât und ihren Ausgaben ab.
War er verheiratet? Zwei Ordenszweige widersprechen sich
Selbst sein Privatleben ist umstritten. Der Babagân-Zweig sagt, Hadschi Bektasch sei unverheiratet gestorben. Der Çelebiler-Zweig sagt, er habe Kadıncık Ana geheiratet.
Beide Zweige gehören zur Tradition. Die Quellen klären die Frage nicht.
Hadschi Bektasch Weli und die Janitscharen
Oft wird er mit den osmanischen Janitscharen in Verbindung gebracht. Die Quellenlage erlaubt jedoch weniger eindeutige Aussagen als die verbreitete Behauptung.
Âşıkpaşazâde weist eine direkte Verbindung zurück. Er bestreitet, dass Hadschi Bektasch osmanische Herrscher traf. Ebenso bestreitet er, dass die Kopfbedeckung der Janitscharen, der börk, auf ihn zurückgeht.
Die belegte Verbindung entstand später. Fahri Madens Studie von 2015 verweist auf das Ende des 16. Jahrhunderts. Damals wurden Bektaschi-Scheichs und Derwische in den Janitscharenkasernen untergebracht. Maden sieht darin den Schritt, der die Verbindung zwischen den beiden Institutionen festigte.
Ein Detail am Grab passt in diese spätere Zeit. Der bekrönende Aufsatz (âlem) darüber trägt die Jahreszahl 1028. Daneben steht ein Vermerk zur Stiftung des Verwalters der Janitscharen-Tekke.
Der Hadschi-Bektasch-Weli-Komplex in Nevşehir
Der Komplex liegt in Hacıbektaş in Nevşehir. Das Denkmalinventar nennt als Adresse Kayseri Caddesi No. 7.
Die Anlage gruppiert sich um Höfe. Der UNESCO-Antrag der Türkei nennt den Nadar-Hof, den Dergâh-Hof und den dritten Hof. An diesen Höfen stehen die Gebäude.
Der Komplex wuchs durch Anbauten und Instandsetzungen. Laut demselben Antrag erhielt er seine heutige Gestalt hauptsächlich im 16. Jahrhundert.
Das Grab von Hadschi Bektasch Weli
Das Grab liegt im dritten Hof. Du findest es am Eingang zum Kırklar Meydanı.
Vom Derwischkloster zum Museum
Das Derwischkloster wurde am 30. November 1925 geschlossen. Es fiel unter das Gesetz Nr. 677, das sämtliche Derwischklöster und Zaviyen schloss.
Nach Instandsetzungen wurde es am 16. August 1964 wiedereröffnet. Seitdem ist es ein ethnografisches Museum. Seit dieser Wiedereröffnung gehen Besucher durch seine Höfe.
Am 13. April 2012 meldete die Türkei den Komplex als Kulturerbe für die UNESCO-Vorschlagsliste zum Welterbe an. Das ist ein Schritt im Bewerbungsverfahren. Eine Aufnahme in die Welterbeliste ist es nicht.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
- Zwölf Felle. Im cem-Raum liegen 12 Felle auf den Bänken. Laut dem UNESCO-Antrag der Türkei stehen sie für die Zwölf Imame.
- Türen, vor denen du dich verneigst. Derselbe Text erklärt, dass viele Türen des Komplexes absichtlich klein angelegt wurden. Wer eintritt, muss den Kopf senken. Stell dir vor, du duckst dich in einem alten Haus unter einem niedrigen Balken hindurch.
- Neun Himmelsschichten. Die Holzdecke des Meydan Evi besteht aus sich kreuzenden Balken. In der Symbolik der Bektaschi steht sie für die neun Schichten des Himmels.
- Ein Löwenmaul. Der Löwenbrunnen (Arslanlı Çeşme) hat drei Wasserausläufe. Das Wasser fließt aus drei Mündungen. Eine davon ist das Maul eines Marmorlöwen.
- Eine Jahreszahl am Grab. Der Aufsatz über dem Grab trägt, wie oben erwähnt, die Jahreszahl 1028 und den Stiftungsvermerk des Janitscharenverwalters.
Deinen Besuch planen
Fahre in den Bezirk Hacıbektaş in Nevşehir. Du findest den Komplex unter der Adresse Kayseri Caddesi No. 7.
Gehe die Höfe der Reihe nach ab, vom Nadar-Hof bis zum dritten Hof. Achte unterwegs auf die Türrahmen. Stelle dich anschließend an das Grab am Eingang zum Kırklar Meydanı.
Wenn du vor deinem Besuch etwas lesen möchtest, beginne mit der Makâlât in Esad Coşans kritischer Ausgabe. So lernst du die Vier Tore kennen, bevor du ihnen in Stein begegnest.
FAQ
Wer war Hadschi Bektasch Weli?
Er war ein turkmenischer Scheich im seldschukischen Anatolien des 13. Jahrhunderts. Der Bektaschi-Orden verehrt ihn als seinen Pir. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er in Sulucakarahöyük, dem heutigen Hacıbektaş in Nevşehir. Dort starb er auch.
Wo liegt das Grab von Hadschi Bektasch Weli?
Es befindet sich im dritten Hof des Derwischklosters in Hacıbektaş, am Eingang zum Kırklar Meydanı.
Hat er das Janitscharenkorps gegründet?
Keine der hier verwendeten Quellen behauptet das. Âşıkpaşazâde bestreitet eine direkte Verbindung. Belegt ist die Unterbringung von Bektaschi-Scheichs und Derwischen in den Janitscharenkasernen im späten 16. Jahrhundert.
Welches Buch wird ihm zugeschrieben?
Die Makâlât. Esad Coşans kritische Ausgabe erschien 1986. Ocak weist darauf hin, dass Historiker nicht nachgewiesen haben, dass der Text unmittelbar aus seiner Feder stammt.
Ist der Komplex UNESCO-Welterbe?
Er steht auf der Vorschlagsliste. Die Türkei meldete ihn am 13. April 2012 an.
Quellen
- TDV-Enzyklopädie des Islam — Hacı Bektâş-ı Velî islamansiklopedisi.org.tr
- Ahmet-Yesevi-Universität — Personenlexikon der türkischen Literatur, Hacı Bektaş Veli teis.yesevi.edu.tr
- Wikipedia auf Türkisch — Hacı Bektaş-ı Veli tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Haji Bektash Veli en.wikipedia.org
- Kulturportal — Hacı-Bektaş-Veli-Museum kulturportali.gov.tr
- Kulturportal — Hacıbektaş-Veli-Komplex kulturportali.gov.tr
- UNESCO-Welterbezentrum — Haci-Bektas-Veli-Komplex whc.unesco.org
- Ministerium für Kultur und Tourismus — Grabmal von Hacı Bektaş Velî yakegm.ktb.gov.tr
- Ministerium für Kultur und Tourismus — Meydan Evi yakegm.ktb.gov.tr
- Ministerium für Kultur und Tourismus — Löwenbrunnen yakegm.ktb.gov.tr
- Nevşehir-Hacı-Bektaş-Veli-Universität — Zusammenfassungsband des Symposiums über Gelehrte aus Nevşehir dosyalar.nevsehir.edu.tr
- Zeitschrift der Theologischen Fakultät der Dokuz-Eylül-Universität — Nesrin Sofuoğlu dergipark.org.tr
- Forschungszeitschrift für türkische Kultur und Hacı Bektaş Veli — Fahri Maden dergipark.org.tr
Image: Qendra Botërore Bektashiane 2026 – monumenti i Haxhi Bektash Veliut.jpg — Albinfo, CC BY-SA 4.0






