Runen sind Schriftzeichen, die germanische Völker in den ersten Jahrhunderten n. Chr. nach Vorbildern aus den Alphabeten des Mittelmeerraums entwickelten. Der Name Futhark stammt von den ersten sechs Zeichen. Das ältere Futhark hatte 24 Buchstaben, das jüngere Futhark 16. Wenn du eine Inschrift lesen willst, bestimmst du zuerst ihr Alphabet und ihre Schreibrichtung. Dann überträgst du die Zeichen in lateinische Buchstaben und deutest anschließend die Sprache.
Weniger Buchstaben machten das Lesen nicht einfacher: Im jüngeren Futhark konnte ein Zeichen mehrere Laute wiedergeben. Deshalb ist es etwas anderes, eine Rune zu erkennen, als eine Mitteilung zu verstehen. Die folgenden Alphabete, Gegenstände und Inschriften zeigen dir, wie sich die Schrift entwickelte. Sie machen deutlich, welche Fragen beim Lesen zu klären sind und wo die Belege für Magie beginnen.
Wann entstand die Runenschrift und warum heißt sie Futhark?
Die germanische Runenschrift entwickelte sich in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Frühe Inschriften aus der Zeit um 150 n. Chr. sind besonders im heutigen Dänemark (Danimarka), im Norden Deutschlands (Almanya) und im Süden Schwedens (İsveç) verbreitet. Frühe Beispiele finden sich auf Waffen, Werkzeugen und Gewandfibeln. Oft nennen sie einen Besitzer oder Hersteller.
Der grundsätzliche Zusammenhang mit den Alphabeten des Mittelmeerraums ist deutlicher als der genaue Weg der Übernahme. Als Vorbilder werden das lateinische Alphabet, das rätische Alphabet und weitere antike Alphabete Norditaliens (Kuzey İtalya) vorgeschlagen. Welches Alphabet unmittelbar als Vorlage diente, bleibt ungeklärt. Diese Erklärungsansätze betreffen die Herkunft der germanischen Schriftzeichen. Sie beschreiben keine unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes Futhark.
Der Name geht auf die Zeichenfolge ᚠ ᚢ ᚦ ᚨ ᚱ ᚲ zurück. In lateinische Buchstaben übertragen lautet sie f–u–þ–a–r–k. Das ungewohnte Zeichen þ steht für den Laut am Anfang des englischen Wortes think. Wenn du es wie ein gewöhnliches t liest, verfehlst du deshalb seinen Lautwert.
Was verrät der Fund von Svingerud?
Ein beschriftetes Sandsteinfragment liefert weitere Hinweise auf die frühe Runenschrift. Es wurde 2021 auf dem Gräberfeld von Svingerud im norwegischen Bezirk Hole gefunden, in Norwegen (Norveç). Eine Museumsmitteilung von 2023 datierte es anhand von Holzkohle- und Knochenproben aus dem Grab ungefähr auf 1–250 n. Chr. Diese Datierung beruht auf zugehörigem Material. Sie ist keine direkte Altersmessung am Stein.
Die 2025 veröffentlichte, fachlich begutachtete Hole-Studie nennt für den archäologischen Kontext einen Zeitraum von 50 v. Chr. bis 275 n. Chr. Das bedeutet nicht, dass die Inschrift mit Sicherheit 50 v. Chr. eingeritzt wurde. Der Unterschied ist entscheidend: Eine Zeitspanne für den archäologischen Fundzusammenhang ist kein genaues Datum für den Schreibvorgang.
Was unterscheidet älteres und jüngeres Futhark?
Das ältere Futhark umfasst 24 Buchstaben. Die ungefähre Chronologie der Universität Kopenhagen (Kopenhag) setzt seine Verwendung auf 150–650 n. Chr. an. Das jüngere Futhark umfasst 16 Buchstaben. Nach derselben Chronologie gehört es ungefähr in die Zeit von 725–1075 n. Chr. Es war das Alphabet der Wikingerzeit.
Durch die Verringerung der Buchstabenzahl teilten sich manche Laute ein Schriftzeichen. Im jüngeren Futhark konnte u auch für o stehen, t für d, i für e und k für g. Wenn du jedem Zeichen nur einen festen Laut zuordnest, kannst du mögliche Lesarten der Inschrift übersehen.
Runennamen konnten dabei helfen, sich Laute zu merken. In der Wikingerzeit hieß die m-Rune maðr, also „Mensch“. Die s-Rune hieß sól, also „Sonne“. Diese Namen verbinden Zeichen mit vertrauten Wörtern. Sie machen aber nicht jedes m oder s zu einem Verweis auf einen Menschen oder die Sonne.
Die Runenschrift blieb auch nach der wikingerzeitlichen Verwendung des jüngeren Futharks in Gebrauch. Die Kopenhagener Chronologie datiert die erweiterten mittelalterlichen Runen ungefähr auf 1100–1400 n. Chr. Die Entwicklung umfasst somit ein früheres Alphabet mit 24 Buchstaben, eines mit 16 Buchstaben und spätere erweiterte Formen.
Zeitleiste
- Erste Jahrhunderte n. Chr.: Die germanische Runenschrift entwickelte sich durch Kontakte mit den Schriftkulturen des Mittelmeerraums.
- Um 150 n. Chr.: Frühe Inschriften sind im Raum Dänemark, Norddeutschland und Südschweden belegt.
- Ungefähr 150–650 n. Chr.: In diesen Zeitraum fällt das ältere Futhark mit seinen 24 Buchstaben nach der Kopenhagener Chronologie.
- Ungefähr 725–1075 n. Chr.: In diesen Zeitraum fällt das jüngere Futhark mit seinen 16 Buchstaben nach derselben Chronologie.
- 725–760 n. Chr.: Auf diesen Zeitraum wird das Schädelfragment von Ribe mit Odins Namen datiert.
- Ungefähr 975–1025 n. Chr.: In dieser Zeit wurden die meisten bekannten wikingerzeitlichen Runensteine Dänemarks errichtet.
- Ungefähr 1100–1400 n. Chr.: Erweiterte mittelalterliche Runen wurden verwendet.
- 1973: Das beschriftete menschliche Schädelfragment wurde in Ribe gefunden.
- 2021: Auf dem Gräberfeld von Svingerud wurde ein beschriftetes Sandsteinfragment gefunden.
- 2025: Die fachlich begutachtete Hole-Studie beschrieb die zusammenpassenden Fragmente und ihren archäologischen Kontext von 50 v. Chr. bis 275 n. Chr.
Wie liest man Runeninschriften und welche Belege verbinden sie mit Magie?
Am Anfang stehen die Zeichen und ihre Anordnung. Runeninschriften können von links nach rechts oder von rechts nach links verlaufen. Andere sind im Bustrophedon geschrieben: Dabei wechselt die Schreibrichtung von Zeile zu Zeile. Du kannst also nicht jede Inschrift in derselben Richtung lesen.
Danach musst du zwischen Transliteration und Deutung unterscheiden. Bei der Transliteration wird jedes Runenzeichen in lateinische Buchstaben übertragen. Die Hole-Studie von 2025 behandelt dies als eigenen Arbeitsschritt, getrennt von der Bestimmung der sprachlichen Bedeutung. Eine lesbare Folge lateinischer Zeichen dokumentiert deshalb zunächst die Zeichen. Sie erklärt noch nicht die Mitteilung.
Auch die Transliteration lässt manche Fragen zur Aussprache offen. Frühe Runeninschriften verwendeten keine getrennten Zeichen für lange und kurze Vokale. Im jüngeren Futhark schaffen die mehrfach belegten Zeichen zusätzliche Wahlmöglichkeiten zwischen Lauten. Die Buchstabenformen allein liefern deshalb nicht alle Informationen, die zur Rekonstruktion der gesprochenen Sprache nötig sind.
Hole 2 bietet ein konkretes Beispiel. Seine acht Zeichen lassen sich als idiberug transliterieren. Die Forschenden diskutieren eine Deutung als Frauenname. Sie erwägen aber auch andere Erklärungen, die mit Namensgebung und grammatischen Formen zusammenhängen. Die sichtbare Zeichenfolge und ihre sprachliche Deutung sind unterschiedlich sicher.
Frühe Inschriften nennen häufig den Besitzer oder Hersteller eines Gegenstands. Stell dir zum Vergleich vor, du schreibst deinen Namen auf etwas, das dir gehört. Die frühen Waffen, Werkzeuge und Gewandfibeln zeigen Schrift in derselben praktischen Beziehung zwischen einem Menschen und einem Gegenstand. Das Dänische Nationalmuseum betont, dass die meisten erhaltenen Inschriften alltägliche Mitteilungen enthalten.
Segenssprüche, Flüche und Odins Prüfung
Der Stein von Glavendrup auf Fünen (Fyn) enthält ausdrücklich religiöse Formulierungen. Seine Inschrift bittet Thor, die Runen zu segnen. Außerdem richtet sie einen Fluch gegen jeden, der den Stein beschädigt oder für jemand anderen wiederverwendet. Der Beleg für Segen und Fluch liegt hier in der Mitteilung selbst.
Die Mythologie liefert eine andere Art von Beleg. Im Gedicht Hávamál hängt Odin neun Nächte lang an einem Baum, um Wissen über Runen zu erlangen. Das ist eine mythologische Erzählung über den Erwerb von Runenwissen. Sie ist kein historischer Bericht, der den archäologisch fassbaren Ursprung des Alphabets erklärt.
Behauptungen über Runenorakel in der Wikingerzeit bleiben ungeklärt. Die Berichte über das Losen in Tacitus’ Germania, der Ynglinga saga und der Vita Ansgari belegen den unmittelbaren Einsatz von Runen nicht eindeutig. Segenssprüche und Flüche zeigen bestimmte Verwendungen der Schrift. Sie belegen aber nicht, dass die gesamte Runenschrift ein System zur Wahrsagung bildete.
Details, die du nicht in Reiseführern findest
Ein Holzstäbchen, das bei der Ausgrabung des Langschiffs Roskilde 6 geborgen wurde, bewahrt eine Mitteilung: Saxe ritzte die Runen. Damit nennt die Inschrift ihren Urheber. Wie die Namen auf frühen Gegenständen lenkt sie den Blick auf einen Menschen, der tatsächlich schrieb.
Die Fragmente Hole 1, Hole 2 und Hole 3 passen zusammen. Ihre Anschlussstellen zeigen, dass die getrennt gefundenen Stücke ursprünglich einen einzigen Stein bildeten. Die physische Rekonstruktion liefert Belege zur Geschichte des Gegenstands. Sie ergänzt die Deutung der eingeritzten Zeichen durch die Forschenden.
Das 1973 in Ribe gefundene menschliche Schädelfragment trägt eine Runeninschrift mit Odins Namen. Die Datenbank RuneS datiert es auf 725–760 n. Chr. Sein Material, seine Inschrift und seine Datierung machen es zu einem konkreten Gegenstand, der sich neben der literarischen Darstellung Odins im Hávamál betrachten lässt.
Wikingerzeitliche Gedenksteine konnten in leuchtenden Farben bemalt sein. Sie konnten auch an Straßen oder Brücken stehen, ohne sich am Grab der Person zu befinden, an die sie erinnerten. Ein Runenstein musste deshalb kein Grab markieren, um als Denkmal zu dienen.
Aus dem wikingerzeitlichen Dänemark sind etwa 250 Runensteine bekannt. Die meisten wurden um 975–1025 n. Chr. errichtet. Der Stein von Hørning bei Aarhus liefert ein Detail darüber, wer solche Denkmäler in Auftrag gab: Laut seiner Inschrift ließ ihn ein freigelassener Sklave errichten.
Sind germanische Runen und die alttürkische Schrift dasselbe Schriftsystem?
Das germanische Futhark und die alttürkische Schrift sind eigenständige Schriftsysteme. Wenn du dich für die Türkei (Türkiye) und die Geschichte der Turkvölker interessierst, kann die Bezeichnung „Runenschrift“ verwirren. Der Unicode-Standard erklärt ihre Anwendung auf die alttürkische Schrift mit oberflächlichen Ähnlichkeiten der Zeichenformen.
Unicode datiert die alttürkischen Steininschriften am Fluss Orchon (Orhun) in der Mongolei (Moğolistan) auf das frühe 8. Jahrhundert n. Chr. Eine weitere Form am Jenissei (Yenisey) ordnet es später im selben Jahrhundert ein. Diese Inschriften gehören zur alttürkischen Schrift, nicht zum älteren oder jüngeren Futhark.
Als ein möglicher Ursprung der alttürkischen Schrift gilt eine nicht verbundene Form der sogdischen Schrift aramäischen Ursprungs. Unicode nennt dies als mögliche Erklärung und weist zugleich darauf hin, dass die Herkunft ungeklärt bleibt. Ähnlich aussehende Zeichen belegen für sich genommen keinen gemeinsamen Ursprung mit germanischen Runen.
FAQ
Warum heißt das Alphabet Futhark?
Seine ersten sechs Zeichen, ᚠ ᚢ ᚦ ᚨ ᚱ ᚲ, werden als f–u–þ–a–r–k transliteriert. Zusammen ergeben sie den Namen des Alphabets.
Wie viele Buchstaben haben die Futhark-Alphabete?
Das ältere Futhark hat 24 Buchstaben. Das jüngere Futhark hat 16. Einige seiner Zeichen stehen für mehr als einen Laut.
Waren Runen immer magisch?
Die meisten erhaltenen Inschriften enthalten alltägliche Mitteilungen. Einzelne Beispiele wie Glavendrup enthalten auch Segenssprüche oder Flüche.
Kann man mit Futhark alttürkische Inschriften lesen?
Die alttürkische Schrift und das germanische Futhark sind eigenständige Schriften. Ihre oberflächliche optische Ähnlichkeit macht ihre Zeichen nicht austauschbar.
Quellen
- Dänisches Nationalmuseum — Runen en.natmus.dk
- Wikingerschiffsmuseum — Runen vikingeskibsmuseet.dk
- Universität Oslo, Kulturhistorisches Museum — Ältester Runenstein der Welt gefunden khm.uio.no
- Universität Kopenhagen — Runologie nors.ku.dk
- Hole-Studie von 2025 — Beschriftete Sandsteinfragmente aus Hole, Norwegen: Radiokarbondatierungen geben Einblick in Runensteintraditionen cambridge.org
- Dänisches Nationalmuseum — Runenmagie en.natmus.dk
- Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, RuneS — Schädelfragment von Ribe runesdb.de
- Dänisches Nationalmuseum — Runensteine en.natmus.dk
FAQ
Warum heißt das Runenalphabet Futhark?
Futhark leitet sich aus der Umschrift der ersten sechs Zeichen ab: ᚠ ᚢ ᚦ ᚨ ᚱ ᚲ werden als f–u–þ–a–r–k wiedergegeben.
Was unterscheidet älteres und jüngeres Futhark?
Das ältere Futhark hat 24 Buchstaben, das jüngere Futhark 16. Im jüngeren Futhark kann ein Zeichen mehrere Laute wiedergeben.
Wurden Runen für Magie verwendet?
Einige Inschriften enthalten Segenssprüche oder Flüche. Dazu gehört die Anrufung Thors auf dem Stein von Glavendrup. Die meisten erhaltenen Runeninschriften enthalten jedoch alltägliche Mitteilungen.
Sind germanische Runen und die alttürkische Schrift dasselbe?
Es sind eigenständige Schriftsysteme. Die alttürkische Schrift wird manchmal als Runenschrift bezeichnet, weil ihre Zeichen germanischen Runen oberflächlich ähneln.
Image: France Lozère Cascade de Rûnes 00.jpg — Ancalagon, CC BY-SA 3.0






