Archäologie und Entdeckungen

Denisova-Menschen: Was Chinas Bianfu-Höhle verrät

Denisova-Menschen waren eine frühe Menschengruppe, die eng mit Neandertalern und modernen Menschen verwandt, aber genetisch von beiden unterscheidbar war. Chinas Bianfu-Höhle lieferte fünf durch Proteinanalysen bestätigte Denisova-Fossilien, darunter die erste identifizierte Speiche, sowie Belege für die Zerlegung von Tieren und den Werkzeuggebrauch.

8 Min. Lesezeit8 QuellenVeröffentlicht: 4 November 2026Zuletzt geprüft: 4 November 2026
Redaktion von Köküne Kadar TVUnsere Quellengrundsätze
Denisova-Menschen: Was Chinas Bianfu-Höhle verrät
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Wer waren die Denisova-Menschen?

Denisova-Menschen (Denisova insanı) waren eine frühe Menschengruppe. Sie waren eng mit Homo sapiens und Neandertalern verwandt. Ihr genetisches Profil unterscheidet sie jedoch von beiden. In der Bianfu-Höhle (Bianfu Mağarası) im Südwesten Chinas verbinden nun fünf anhand alter Proteine identifizierte Fossilien dieses Profil mit Zähnen, Schädelfragmenten und einem Teil des Unterarms.

Wenn du verstehen möchtest, was die Entdeckungen von Bianfu zeigen, solltest du zunächst zwei Zeiträume auseinanderhalten. Die menschlichen Fossilien stammen aus der Zeit vor etwa 167.000–134.000 Jahren. Die kulturellen Schichten der Höhle umfassen dagegen die Zeit vor etwa 190.000–70.000 Jahren. Diese Datierungen beziehen sich auf unterschiedliche Fundgruppen. Diese Unterscheidung ist für die gesamte Geschichte wichtig.

Die Kern-DNA der Denisova-Menschen zeigt eine enge evolutionäre Verwandtschaft mit Neandertalern. Dennoch ließen sich beide genetisch unterscheiden. Denisova-Menschen hatten auch mit modernen Menschen gemeinsame Nachkommen. Das belegt Denisova-DNA, die in einigen heutigen Bevölkerungsgruppen erhalten ist.

Wie wurden Denisova-Menschen erstmals identifiziert?

Am Anfang stand der Fingerknochen eines Kindes, der 2008 gefunden wurde. Er stammte aus der Denisova-Höhle (Denisova Mağarası) im sibirischen Altai (Altay). Die Analyse seiner mitochondrialen DNA führte 2010 dazu, Denisova-Menschen als eigenständige frühe Menschengruppe zu identifizieren.

Diese Entdeckung begann mit genetischen Belegen aus einem kleinen Knochen. Bianfu ergänzt einen weiteren Weg zur Identifizierung: alte Proteine. Mithilfe von Proteinanalysen ordneten Forschende fünf Fossilien aus der chinesischen Höhle den Denisova-Menschen zu. Dadurch werden weitere Teile ihres Körperbaus greifbar.

Ein Individuum aus der Denisova-Höhle macht die Beziehung zwischen frühen Menschengruppen besonders anschaulich. Denisova 11, bekannt als Denny, hatte eine Neandertaler-Mutter und einen Denisova-Vater. Hier bestand eine direkte familiäre Verbindung zwischen den beiden Gruppen.

Denisova-Menschen tauschten auch mit modernen Menschen Gene aus. Einige Bevölkerungsgruppen Melanesiens, der australischen Aborigines und der Philippinen tragen bis heute Denisova-DNA. Wenn du bei Denisova-Menschen nur an ferne Höhlenbewohner denkst, verbindet dieses erhaltene genetische Erbe ihre Geschichte mit heute lebenden Menschen.

Was fanden Forschende in Chinas Bianfu-Höhle?

Bianfu ist eine paläolithische Fundstätte in der Provinz Yunnan im Südwesten Chinas. Die Ausgrabungen begannen 2019. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften und das Provinzinstitut für Kulturgüter und Archäologie Yunnan führten die Untersuchungen durch.

Bei der Ausgrabung wurden vier menschliche Zähne, 1.366 Steinwerkzeuge und mehr als 64.000 Säugetierfossilien geborgen. Diese Zahlen beziehen sich auf das gesamte Fundensemble. Darin bestätigten Proteinanalysen fünf Denisova-Fossilien: zwei Schädelfragmente, ein Speichenfragment und zwei Zähne.

Laut der Proteinstudie von 2026 hat Bianfu mehr Denisova-Fossilien geliefert als jede andere Fundstätte außerhalb der Denisova-Höhle in Sibirien. Seine Bedeutung beruht deshalb teilweise auf der Zahl der identifizierten Überreste. Ebenso wichtig ist ihre Vielfalt, insbesondere die erstmals hinzugekommene Speiche.

Am 9. September 2026 erschienen zwei einander ergänzende Fachartikel in Nature. Zusammen verknüpften sie anatomische Befunde mit Werkzeugen, Tierresten und Umweltbefunden.

Wie ließen sich die Fossilien anhand alter Proteine identifizieren?

Forschende sichteten mehr als 60.000 Knochenfragmente anhand ihrer Form. Sie wählten 22 möglicherweise menschliche Fundstücke aus. Eine ZooMS-Proteinuntersuchung ordnete drei davon der menschlichen Entwicklungslinie zu. So ließ sich die Suche innerhalb der großen Knochenfundmenge eingrenzen.

Weitere Proteinanalysen identifizierten die zwei Schädelfragmente, das Speichenfragment und die zwei Zähne als Überreste von Denisova-Menschen. Alle fünf enthielten die Kollagenvariante COL1A2 R996K, die zur Identifizierung von Denisova-Menschen verwendet wird. Dieser gemeinsame Marker stützte die Zuordnung der unterschiedlichen Überreste.

Die Identifizierung in Bianfu beruhte nicht auf einer erfolgreichen Gewinnung alter DNA. Versuche, aus drei menschlichen Knochen alte DNA zu gewinnen, scheiterten. Die Proteinergebnisse lieferten dennoch Belege für die Zuordnung dieser Überreste. Damit stehen Proteine im Mittelpunkt der Befunde aus Bianfu.

Warum ist die erste Denisova-Speiche wichtig?

Laut der im September 2026 veröffentlichten Forschung war das Fossil mit der Kennung BFD771 die erste identifizierte Speiche eines Denisova-Menschen. Die Speiche ist einer der beiden langen Unterarmknochen. Du kannst dir den Fund mit einem Blick auf deinen eigenen Unterarm veranschaulichen: Das Fossil stammt aus derselben Körperregion.

Von BFD771 sind nur etwa 45 Millimeter erhalten. Einige Merkmale nahe dem ellenbogenseitigen Ende ähneln denen von Neandertalern. Die äußere Gesamtform und die Querschnittsgeometrie des Speichenhalses ähneln dagegen stärker denen moderner Menschen.

Diese Vergleiche machen BFD771 besonders aufschlussreich. Ein durch Proteine bestätigter Denisova-Knochen besitzt anatomische Merkmale, die verschiedenen verwandten Menschengruppen ähneln. Seine Identifizierung und seine Form liefern deshalb unterschiedliche Informationen. Die Proteine stützen die Zuordnung zu Denisova-Menschen. Seine Gestalt ermöglicht anatomische Vergleiche.

Welchen Zeitraum decken die Befunde aus Bianfu ab?

Die datierte kulturelle Schichtenfolge reicht von etwa 190.000 bis 70.000 Jahren vor heute. Das entspricht einer Zeitspanne von rund 120.000 Jahren. Die unmittelbar nachgewiesenen menschlichen Fossilien gehören zu einem engeren Zeitraum: etwa 167.000–134.000 Jahre vor heute.

Für die Datierung kombinierten die Forschenden mehrere Verfahren. Sie maßen die Lumineszenz von Sandkörnern aus den Sedimenten. Außerdem nutzten sie Methoden, die den Uranzerfall in Höhlenablagerungen und Zahnschmelz messen. Zusammen ergaben diese Ansätze den zeitlichen Rahmen der Fundstätte.

Die Forschenden halten es für die einfachste Erklärung, dass Denisova-Menschen für die gesamte kulturelle Schichtenfolge verantwortlich waren. Das bleibt eine Interpretation der umfassenderen archäologischen Befunde. Die Fossilien selbst belegen die Anwesenheit von Denisova-Menschen unmittelbar nur für den kürzeren Zeitraum. Wenn du von 120.000 Jahren Denisova-Geschichte in Bianfu liest, behalte diesen Unterschied im Blick.

Was aßen die Höhlenbewohner, und was stellten sie her?

Schnittspuren und Bruchmuster an Knochen von Hirschen, Wasserbüffeln und Gauren zeigen, dass die Bewohner von Bianfu große Wildtiere zerlegten. Diese Spuren verbinden die Tierfunde mit menschlicher Tätigkeit. Die Befunde betreffen den Umgang mit Tierkörpern. Hinzu kommen die am Fundort entdeckten Stein- und Knochenwerkzeuge.

Die Bewohner fertigten Stein- und Knochenwerkzeuge aus örtlich verfügbaren Materialien. Ihre Nutzung nahe gelegener Ressourcen ist damit sowohl an den Werkzeugen als auch an den Tierresten erkennbar. Die 1.366 geborgenen Steinwerkzeuge gehören zu diesen Belegen für Aktivitäten in der Höhle.

Knochenretuscheure stammen aus den Schichten 7 und 3. Diese Geräte dienten dazu, die Kanten von Steinwerkzeugen nachzubearbeiten. Sie verbinden die Knochen- und Steinfunde unmittelbar miteinander: Knochen dienten als Werkzeug zur Steinbearbeitung und finden sich zugleich unter den bearbeiteten Tierresten.

Wie sah die Landschaft rund um Bianfu aus?

Pollen und Tierreste weisen darauf hin, dass Bianfu während der marinen Isotopenstadien 6–4 von nadelbaumdominiertem Wald oder Waldsteppe umgeben war. Diese Umweltrekonstruktion liefert den landschaftlichen Rahmen für die Zerlegung von Tieren und die Nutzung örtlicher Materialien zur Werkzeugherstellung.

Bianfu vereint somit mehrere Arten von Belegen. Pollen und Fauna beschreiben die Umgebung. Bearbeitete Tierknochen zeigen die Zerlegung großer Wildtiere an. Steinwerkzeuge und Knochenretuscheure dokumentieren die Werkzeugherstellung. Die fünf durch Proteine bestätigten Fossilien weisen Denisova-Menschen innerhalb des datierten Zeitraums der menschlichen Fossilien nach.

Details, die du in keinem Reiseführer findest

Der Zahnschmelz der beiden untersuchten Zähne enthielt mit dem Y-Chromosom verbundene Amelogenin-Peptide. Diese zeigten, dass beide Zähne von männlichen Individuen stammten. Das Ergebnis ergänzt die Zuordnung zu Denisova-Menschen um Informationen über die Menschen, von denen die Zähne stammen.

Die beiden Schädelfragmente hatten in ihrer Mitte eine Knochendicke von 7,6 beziehungsweise 10 Millimetern. Diese Messwerte gehören zu den dokumentierten anatomischen Details der Überreste aus Bianfu. Zusammen mit dem etwa 45 Millimeter langen erhaltenen Abschnitt von BFD771 beschreiben sie die ansonsten nur bruchstückhaft erhaltenen Fossilien konkret.

Die gescheiterten Versuche zur DNA-Gewinnung betrafen drei menschliche Knochen. Zusammen mit den erfolgreichen Proteinanalysen erklärt dieses Detail, warum alte Proteine im Mittelpunkt der Geschichte von Bianfu stehen. Sowohl der Identifizierungsmarker als auch die anatomischen Messwerte tragen zur Beschreibung dieser Überreste bei.

Zeitleiste

  • Vor etwa 190.000 Jahren: Die datierte kulturelle Schichtenfolge von Bianfu beginnt.
  • Vor etwa 167.000–134.000 Jahren: Der Zeitraum, den die menschlichen Fossilien von Bianfu belegen.
  • Vor etwa 70.000 Jahren: Die untersuchte kulturelle Schichtenfolge endet.
  • 2008: In der Denisova-Höhle wird der Fingerknochen eines Kindes gefunden.
  • 2010: Die Analyse alter DNA identifiziert Denisova-Menschen als eigenständige Menschengruppe.
  • 2019: Die Ausgrabungen in der Bianfu-Höhle beginnen.
  • 9. September 2026: Zwei Nature-Studien veröffentlichen Ergebnisse zu den Fossilien und den Belegen für die Nahrungsbeschaffung.

FAQ

Waren Denisova-Menschen und Neandertaler dieselbe Menschengruppe?

Nein. Es waren genetisch unterscheidbare frühe Menschengruppen. Die Kern-DNA der Denisova-Menschen zeigt dennoch ihre enge evolutionäre Verwandtschaft mit Neandertalern. Dennys Neandertaler-Mutter und Denisova-Vater belegen außerdem gemeinsame Nachkommen beider Gruppen.

Wie viele Denisova-Fossilien wurden in Bianfu identifiziert?

Proteinanalysen bestätigten fünf: zwei Schädelfragmente, ein Speichenfragment und zwei Zähne. Alle fünf trugen die Kollagenvariante COL1A2 R996K, die zur Identifizierung von Denisova-Menschen verwendet wird.

Beweisen die Fossilien eine 120.000 Jahre lange Besiedlung durch Denisova-Menschen?

Die Fossilien belegen unmittelbar die Zeit vor etwa 167.000–134.000 Jahren. Forschende schreiben die umfassendere kulturelle Schichtenfolge aus der Zeit vor etwa 190.000–70.000 Jahren den Denisova-Menschen zu. Sie halten das für die einfachste Erklärung. Diese Zuordnung reicht über den durch menschliche Fossilien belegten Zeitraum hinaus.

Welche Belege zeigen, wie die Bewohner von Bianfu lebten?

Bearbeitete Knochen von Hirschen, Wasserbüffeln und Gauren zeigen die Zerlegung großer Wildtiere an. Stein- und Knochenwerkzeuge belegen die Nutzung örtlicher Materialien. Knochenretuscheure aus den Schichten 7 und 3 dokumentieren die Nachbearbeitung von Steinwerkzeugkanten.

Quellen

  1. Wikipedia — Denisova-Mensch tr.wikipedia.org
  2. Wikipedia — Denisova-Mensch en.wikipedia.org
  3. Nature — Alte Proteine identifizieren verschiedene Denisova-Überreste aus Südwestchina nature.com
  4. Nature — Denisova-Menschen aus Südwestchina und ihre Strategien zur Nahrungsbeschaffung nature.com
  5. The Leakey Foundation — Neue Funde enthüllen 120.000 Jahre Denisova-Geschichte leakeyfoundation.org
  6. Universität Wollongong — 190.000 Jahre alte Höhle zeigt, wie frühe Menschenarten lebten und sich anpassten uow.edu.au
  7. Chinesische Akademie der Wissenschaften — Erstmals Speiche eines Denisova-Menschen in Südwestchina entdeckt english.cas.cn
  8. Science News — Neu entdeckte Fossilien geben Geheimnisse der Denisova-Menschen preis sciencenews.org

FAQ

Wer waren die Denisova-Menschen?

Denisova-Menschen waren eine frühe Menschengruppe, die sich genetisch von modernen Menschen und Neandertalern unterscheiden lässt. Ihre Kern-DNA zeigt, dass sie eng mit Neandertalern verwandt waren.

Was entdeckten Forschende in der Bianfu-Höhle?

Proteinanalysen identifizierten fünf Denisova-Fossilien: zwei Schädelfragmente, ein Speichenfragment und zwei Zähne. Bei den Ausgrabungen wurden außerdem 1.366 Steinwerkzeuge und mehr als 64.000 Säugetierfossilien geborgen.

Wie alt sind die Denisova-Fossilien aus Bianfu?

Die menschlichen Fossilien stammen aus der Zeit vor etwa 167.000–134.000 Jahren. Die datierte kulturelle Schichtenfolge der Höhle umfasst die Zeit vor etwa 190.000–70.000 Jahren.

Hatten Denisova-Menschen mit anderen Menschengruppen gemeinsame Nachkommen?

Ja. Denny, auch Denisova 11 genannt, hatte eine Neandertaler-Mutter und einen Denisova-Vater. Denisova-DNA ist außerdem in einigen heutigen Bevölkerungsgruppen Melanesiens, der australischen Aborigines und der Philippinen erhalten.

Image: Xiahe mandible.jpg — Dongju Zhang, CC BY-SA 4.0

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