Die Almohaden (Muvahhidler) gingen aus einer religiösen Reformbewegung hervor. Ihr Kalifat herrschte über Nordafrika (Kuzey Afrika) und al-Andalus (Endülüs). Die Bewegung entstand unter Ibn Tumart (İbn Tûmert) im Atlasgebirge (Atlas Dağları) in Marokko (Fas). Sie löste die Herrschaft der Almoraviden (Murabıtlar) ab, nachdem Abd al-Mumin (Abdülmü’min) 1147 Marrakesch (Marakeş) erobert hatte. Die Niederlage bei Las Navas de Tolosa 1212, Nachfolgekämpfe und regionale Aufstände schwächten ihre Macht. 1269 nahmen die Meriniden (Merînîler) Marrakesch ein.
Wie konnte eine Bewegung aus Berggemeinschaften Gebiete vom Atlantik (Atlas Okyanusu) bis Tripolis (Trablus) regieren? Ihre Geschichte verbindet religiöse Autorität, militärische Eroberungen und Kämpfe um die Nachfolge. Du kannst ihre Ausbreitung über Marrakesch und Sevilla (İşbiliye) verfolgen. Die erhaltenen Baudenkmäler in Rabat zeigen dir anschließend, welche architektonischen Ziele die Almohaden verfolgten.
Unter welchen Bedingungen entstand Ibn Tumarts Bewegung?
Der Name Almohaden leitet sich vom arabischen al-Muwahhidun ab. Er bringt zum Ausdruck, wie stark die Bewegung die Einheit Gottes betonte. Ibn Tumart begann seine Reformbewegung unter den Masmuda-Amazigh (Masmûde) im marokkanischen Atlasgebirge. Er stellte die religiösen und rechtlichen Praktiken der herrschenden Almoraviden infrage.
Die Berglandschaft half seinen Anhängern, sich außerhalb wirksamer zentraler Kontrolle zu sammeln. Das steile Gelände schränkte die Bewegungsfreiheit der almoravidischen Reiterei ein. Die Masmuda-Gemeinschaften konnten sich deshalb dem Zugriff der Herrschenden weitgehend entziehen. Die geografischen Bedingungen gaben der religiösen Bewegung Raum, sich zu etablieren.
Um 1121 erkannten Ibn Tumarts Anhänger ihn als Mahdi an. Um 1124 wurde Tinmel im Nfis-Tal des Hohen Atlas (Yüksek Atlaslar) zum Stützpunkt der Bewegung. Der Ort diente zugleich als geistliches Zentrum und militärisches Hauptquartier. Religiöse Führung und militärische Organisation entwickelten sich am selben Ort.
Ibn Tumart starb 1130. Danach übernahm Abd al-Mumin die Führung, ein Amazigh aus den Zanata (Zenâte). Die Bewegung hatte unter den Masmuda begonnen. Der Mann, der ihre Ausbreitung zu einem Großreich leitete, stammte jedoch aus einer anderen Amazigh-Gruppe.
Wie beendete Abd al-Mumin die Herrschaft der Almoraviden?
Abd al-Mumin machte die Bewegung zu einer militärischen Eroberungsmacht und rief sich zum Kalifen aus. Seine Truppen eroberten Marrakesch 1147. Damit stürzten sie die Herrschaft der Almoraviden und machten die Stadt zum Zentrum der neuen Herrschaft. Marrakesch blieb der wichtigste Herrschaftssitz der Almohaden in Nordafrika.
Die Expansion setzte sich nach Osten fort. 1159 begann Abd al-Mumin einen Feldzug, durch den Tunis (Tunus) unter seine Kontrolle kam. Die dort herrschenden Banu Khurasan (Benî Horasan) verweigerten die Übergabe. Daraufhin nahm er die Stadt mit Gewalt ein. Dieser Feldzug dehnte die almohadische Herrschaft weiter über Nordafrika aus.
Mahdia (Mehdiye) kapitulierte im Januar 1160. Die Normannen (Normanlar) zogen sich daraufhin nach Sizilien (Sicilya) zurück. Anschließend erkannte Tripolis die almohadische Herrschaft an. Diese Vorstöße erweiterten den Machtbereich einer Bewegung, deren frühes Hauptquartier in einem Tal des Hohen Atlas gelegen hatte.
Abd al-Mumin herrschte bis 1163. Unter seiner Führung verdrängten die Almohaden die Almoraviden aus Marrakesch und errichteten ihre Herrschaft über ein weit größeres Gebiet. Seine Ausrufung zum Kalifen gab der Bewegung zudem eine politische Führung, deren Anspruch über ihren ursprünglichen Stützpunkt im Gebirge hinausreichte.
Welche Gebiete in Nordafrika und al-Andalus beherrschten die Almohaden?
Das Almohadenreich erstreckte sich in Nordafrika vom Atlantik bis Tripolis im heutigen Libyen (Libya). Auf der anderen Seite des Meeres gehörten muslimisch regierte Teile des heutigen Spaniens (İspanya) und Portugals (Portekiz) dazu. Diese Gebiete bildeten den almohadischen Herrschaftsbereich in al-Andalus.
Bis 1150 hatten die Almohaden Marokko sowie Sevilla, Córdoba (Kurtuba), Badajoz (Batalyevs) und Almería (El-Meriye) eingenommen. Das geht aus dem Epochenüberblick des Metropolitan Museum of Art hervor. Ihre Expansion hatte damit bereits vor Abd al-Mumins Ostfeldzug von 1159 bedeutende Städte in al-Andalus erfasst.
Marrakesch und Sevilla waren die zentralen Orte dieser Herrschaft. Die Almohaden behielten ihr nordafrikanisches Zentrum in Marrakesch und machten Sevilla zu ihrer Hauptstadt in al-Andalus. Wenn du dir das Kalifat anhand dieser Städte vorstellst, wird seine Ausdehnung deutlicher: Seine Herrschaft umfasste sowohl Gebiete in Nordafrika als auch die muslimisch regierten Teile der Iberischen Halbinsel (İber Yarımadası).
Welche Rolle spielte die Niederlage bei Las Navas de Tolosa 1212 beim Niedergang?
Am 16. Juli 1212 besiegten Truppen aus Kastilien (Kastilya), Aragón (Aragon) und Navarra die almohadische Armee bei Las Navas de Tolosa in der Region Jaén. Die Niederlage wurde zu einem Wendepunkt beim Zusammenbruch der almohadischen Vormachtstellung in al-Andalus. Sie beschleunigte den Zerfall in kleinere, tributpflichtige Fürstentümer.
Zum Niedergang des Kalifats gehörte auch eine Krise innerhalb der herrschenden Dynastie. Kalif al-Mustansir (Müstansır) starb 1224 jung und ohne Erben. Sein Tod löste sowohl im Maghreb (Mağrip) als auch in al-Andalus Nachfolgekämpfe aus. Rivalisierende Machthaber stritten in einem bereits geschwächten Reich um die Herrschaft.
Einige almohadische Thronanwärter verbündeten sich mit christlichen Königen im Norden. Lokale Aufstände in al-Andalus untergruben die Zentralgewalt zusätzlich. Ferdinand III. (III. Fernando), Herrscher von Kastilien-León (Kastilya-Leon), nutzte diese politische Zersplitterung. Er eroberte Córdoba 1236 und Sevilla 1248.
Auch in Nordafrika kam es zu Stammesaufständen und regionalen Erhebungen. Mit der Schwächung der almohadischen Herrschaft gewann der Aufstieg der Meriniden ab 1215 an Tempo. 1269 eroberten die Meriniden Marrakesch. Diese Eroberung beendete die Herrschaft der Almohaden im westlichen Maghreb.
Las Navas de Tolosa war somit Teil einer längeren Folge von Verlusten. Die Niederlage beschädigte die almohadische Vormachtstellung in al-Andalus. Nachfolgestreitigkeiten und Aufstände vertieften den Zerfall. Die Einnahme Marrakeschs 1269 markierte das Ende ihrer Herrschaft im westlichen Maghreb.
Welche Bauwerke sind in Marrakesch, Rabat und Sevilla erhalten?
Große Minarette mit quadratischem Schaft prägen die almohadische Moscheearchitektur in Marrakesch, Rabat und Sevilla. Diese Bauform wurde in späteren Jahrhunderten fortgeführt. An diesen Türmen kannst du ansetzen, wenn du die erhaltenen Bautraditionen der Dynastie erkennen möchtest.
In Marrakesch ragt das Minarett der Koutoubia-Moschee (Kütübiye Camii) 77 Meter hoch auf. Jede Seite seines quadratischen Hauptschafts misst ungefähr 13 Meter. Seine Proportionen machen die Größenordnung almohadischer Moscheebauten anschaulich.
Das Verhältnis zwischen den beiden Moscheebauten der Koutoubia ist weiterhin umstritten. Nach einer Erklärung sollte der zweite Bau die Gebetsausrichtung des ersten korrigieren. Allerdings war die Ausrichtung des zweiten Baus ungenauer. Das schwächt diese Erklärung. Andere Forschende vermuten eine Erweiterung, um dem Bevölkerungswachstum Rechnung zu tragen.
In Rabat gab Yaqub al-Mansur (Yakub el-Mansur) die Hassan-Moschee (Hassan Camii) als wichtigste Freitagsmoschee des Reiches in Auftrag. Als er 1199 starb, war sie unvollendet. Spätere Herrscher stellten sie nicht fertig. Die UNESCO nennt die Moschee sowie almohadische Mauern und Tore als erhaltene Bestandteile eines Projekts, das eine große Hauptstadt schaffen sollte.
In Sevilla begann 1172 unter Kalif Abu Yaqub Yusuf (Ebû Yakub Yûsuf) der Bau der Großen Moschee (İşbiliye Ulu Camii). Ihr erhaltenes Minarett, die Giralda, wurde später Teil der gotischen Kathedrale. Auch der Orangenhof (Portakal Avlusu) und das Tor der Vergebung (Bağışlanma Kapısı) wurden in den späteren Bau einbezogen.
Details, die du nicht im Reiseführer findest
Abd al-Mumin nahm bei der Ausrufung seines Kalifats trotz seiner Amazigh-Herkunft eine arabische Genealogie an. Die von ihm beanspruchte Abstammung unterschied sich somit von seiner tatsächlichen Herkunft. Dieses Detail gehört zur Geschichte seiner Annahme des Kalifentitels.
Der neue Herrscher verwendete auch einen Gegenstand weiter, der mit der verdrängten Dynastie verbunden war. Abd al-Mumin ließ den geschnitzten hölzernen Minbar aus der Moschee des almoravidischen Herrschers Ali ibn Yusuf (Ali bin Yûsuf) in seine eigene Koutoubia-Moschee bringen. Ein Ausstattungsstück der vorherigen Herrschaft blieb damit unter almohadischer Schirmherrschaft in Gebrauch.
Die Hassan-Moschee in Rabat wurde auf einem rechteckigen Grundriss von 180 mal 140 Metern geplant. Diese Maße verdeutlichen ihre vorgesehene Rolle als wichtigste Freitagsmoschee des Reiches. Das unvollendete Bauprojekt bewahrt Zeugnisse dieses Anspruchs.
Im Inneren der Giralda verlaufen Rampen zwischen einem zentralen quadratischen Kern und den Außenmauern. Sie waren breit genug, damit ein Pferd hinaufgelangen konnte. Die innere Anlage des Turms ist damit ebenso aufschlussreich wie seine äußere quadratische Form.
Almohadische Münzen trugen eine Formel, die Gott als Herrn, Muhammad (Muhammed) als Propheten und Ibn Tumart als Mahdi und Imam anerkannte. Wenn du an das Geld denkst, das du im Alltag benutzt, zeigen dir diese Münzen eine unmittelbare Verbindung zwischen einem vertrauten Gegenstand und den religiösen Ansprüchen der Bewegung.
Zeitleiste
- Um 1121: Ibn Tumarts Anhänger erkennen ihn als Mahdi an.
- Um 1124: Tinmel wird zum geistlichen und militärischen Stützpunkt der Bewegung.
- 1130: Ibn Tumart stirbt; Abd al-Mumin übernimmt die Führung.
- 1147: Almohadische Truppen erobern Marrakesch und stürzen die Herrschaft der Almoraviden.
- 1159: Abd al-Mumin erobert Tunis.
- Januar 1160: Mahdia kapituliert; die Normannen ziehen sich nach Sizilien zurück.
- 1163: Abd al-Mumins Herrschaft endet.
- 1172: Der Bau der Großen Moschee von Sevilla beginnt.
- 1199: Yaqub al-Mansur stirbt; die Hassan-Moschee ist noch unvollendet.
- 16. Juli 1212: Die almohadische Armee unterliegt bei Las Navas de Tolosa.
- 1224: Al-Mustansir stirbt ohne Erben und löst damit Nachfolgekämpfe aus.
- 1236: Ferdinand III. erobert Córdoba.
- 1248: Ferdinand III. erobert Sevilla.
- 1269: Die Meriniden erobern Marrakesch und beenden die almohadische Herrschaft im westlichen Maghreb.
FAQ
Wer gründete die Bewegung der Almohaden?
Ibn Tumart gründete die Reformbewegung unter den Masmuda-Amazigh im marokkanischen Atlasgebirge. Nach seinem Tod 1130 übernahm Abd al-Mumin die Führung und baute ihre Herrschaft zu einem Kalifat aus.
Wo herrschten die Almohaden?
Ihr Reich erstreckte sich von der Atlantikküste Nordafrikas bis Tripolis. Es umfasste außerdem muslimisch regierte Gebiete im heutigen Spanien und Portugal. Sevilla war ihre Hauptstadt in al-Andalus.
Beendete Las Navas de Tolosa ihre Herrschaft unmittelbar?
Die Niederlage von 1212 beschleunigte den Zerfall der almohadischen Vormachtstellung in al-Andalus. Im westlichen Maghreb bestand die almohadische Herrschaft fort, bis die Meriniden 1269 Marrakesch eroberten.
Was ist vom almohadischen Sevilla erhalten?
Vom Komplex der Großen Moschee sind die Giralda, der Orangenhof und das Tor der Vergebung erhalten. Alle wurden Teil der späteren gotischen Kathedrale.
Quellen
- Wikipedia — Almohaden-Kalifat en.wikipedia.org
- Maribel Fierro — Oxford Bibliographies: Almohaden academic.oup.com
- The Metropolitan Museum of Art — Die Kunst der Almoraviden- und Almohadenzeit metmuseum.org
- Universidad de Navarra — 1212: Las Navas de Tolosa unav.es
- Archnet — Zeitleiste: Almohaden archnet.org
- Archnet — Jami‘ al-Kutubiyya archnet.org
- Archnet — Jami‘ al-Hassan archnet.org
- UNESCO-Welterbezentrum — Rabat whc.unesco.org
- Archnet — Kathedrale/Moschee von Sevilla archnet.org
- Catedral de Sevilla — La Giralda catedraldesevilla.es
- Maribel Fierro — Die neue Cambridge-Geschichte des Islams: Die Almohaden und die Hafsiden cambridge.org
FAQ
Wer gründete die Bewegung der Almohaden?
Ibn Tumart gründete die religiöse Reformbewegung unter den Masmuda-Amazigh im marokkanischen Atlasgebirge. Nach seinem Tod 1130 führte Abd al-Mumin die Bewegung weiter und baute ihre Herrschaft zu einem Kalifat aus.
Wo herrschten die Almohaden?
Ihr Reich erstreckte sich in Nordafrika vom Atlantik bis Tripolis. Es umfasste außerdem muslimisch regierte Gebiete im heutigen Spanien und Portugal. Sevilla war ihre Hauptstadt in al-Andalus.
Beendete die Schlacht bei Las Navas de Tolosa das Kalifat?
Die Niederlage von 1212 beschleunigte den Zerfall der almohadischen Vormachtstellung in al-Andalus. In Nordafrika bestand ihre Herrschaft bis zur Eroberung Marrakeschs durch die Meriniden 1269 fort.
Welche Bauwerke der Almohaden sind erhalten?
Zu den bedeutenden Zeugnissen gehören die Koutoubia-Moschee in Marrakesch, die unvollendete Hassan-Moschee sowie almohadische Mauern und Tore in Rabat. In Sevilla sind die Giralda, der Orangenhof und das Tor der Vergebung erhalten.
Image: Almohades Iberia.png — DaniCBP, CC BY 4.0






