Die Piri-Reis-Karte von 1513 im Überblick
Die Piri-Reis-Karte ist eine Weltkarte aus dem Jahr 1513. Laut ihrem eigenen Datierungsvermerk fertigte Piri Reis (Pîrî Reis) sie im Monat Muharram des Jahres 919 nach islamischer Zeitrechnung an. Das entspricht dem Zeitraum vom 9. März bis zum 7. April 1513. Er zeichnete sie in Gallipoli (Gelibolu).
Nur etwa ein Drittel ist erhalten geblieben. Das Fragment zeigt die Westküsten Europas und Afrikas sowie die Ostküsten Südamerikas. Um diesen erhaltenen Teil dreht sich die Debatte.
Der Streitpunkt ist schnell erklärt. Einige Autoren behaupten, der südliche Rand zeige die Antarktis ohne Eis. Nach Einschätzung der Forschung sprechen die Belege für andere Erklärungen. In den folgenden Abschnitten kannst du die Behauptung Schritt für Schritt prüfen.
Piri-Reis-Karte von 1513 und Antarktis: Woher kommt die Behauptung?
1966 veröffentlichte Charles Hapgood Maps of the Ancient Sea Kings. Darin vertrat er die Auffassung, die Karte zeige eine eisfreie Antarktis. Er verband dies mit der Theorie einer vorgeschichtlichen Zivilisation, die den gesamten Erdball erkundet habe.
Diese Theorie entspricht nicht dem, was der Text auf der Karte selbst aussagt. Die Karte ist eine Seekarte ihrer Zeit, die auf älteren Quellen beruht.
Gregory C. McIntosh untersuchte die Karte in einem Buch, das 2000 bei University of Georgia Press erschien. Er weist die Vorstellung zurück, die Karte belege Kenntnisse antiker Zivilisationen oder außerirdischer Besucher über die Antarktis. Seine Arbeit untersucht die Quellen, die tatsächlich in die Karte eingeflossen sind.
Die Piri-Reis-Karte erklärt: Was ist eine Portolankarte?
Die Karte ist eine Portolankarte. Sie hat kein Gradnetz aus Breiten- und Längengraden. Stattdessen verlaufen von Windrosen aus Richtungslinien über das Kartenblatt.
Stell dir einen U-Bahn-Netzplan vor. Er zeigt Verbindungen, keine exakte Geografie. Eine Portolankarte hilft Seefahrern, anhand von Kursrichtungen von einem Ort zum anderen zu gelangen.
Auf dem erhaltenen Teil befinden sich zwei große Windrosen mit jeweils 32 Strichen sowie drei kleine Windrosen. Felsen unter Wasser sind mit Kreuzen markiert. Rote Punkte kennzeichnen Untiefen.
Der Text ist in arabischer Schrift geschrieben. Die Anmerkungen auf der Karte sind überwiegend auf Osmanisch-Türkisch verfasst. Der Vermerk über die Entstehung der Karte ist auf Arabisch.
Warum das Land im Süden nicht die Antarktis ist
Es gibt zwei Erklärungen. Keine von beiden setzt eine untergegangene Zivilisation voraus.
Die erste ist Terra Australis. Dieser hypothetische Südkontinent wurde von Kartografen jener Zeit als existent angenommen. Die Landmasse am unteren Kartenrand kann diesen vorgestellten Kontinent darstellen.
Die zweite Erklärung stammt von Svat Soucek. Seiner Auffassung nach biegt die südamerikanische Küste nach Osten ab, weil die Zeichnung an die nutzbare Fläche des Pergaments angepasst wurde. Dem Kartografen ging der Platz aus, und er ließ die Küste abknicken.
Die Form im Süden hat demnach eine einfache Erklärung. Eine Küste, die am Rand eines Kartenblatts nach Osten abbiegt, setzt keinen verborgenen Kontinent voraus.
Rätsel der Piri-Reis-Karte gelöst? Was geklärt ist und was offenbleibt
Niemand hat jede Linie auf der Karte „entschlüsselt“. Einige Fragen sind geklärt, andere werden weiter diskutiert.
Zu seinen Quellen erklärt Piri Reis, dass er mehrere ältere Karten verwendete. Forschende lesen seine Mengenangabe unterschiedlich. Sie deuten sie als insgesamt 20, 30 oder 34 Karten.
Die auf Kolumbus zurückgehenden Informationen ordnet McIntosh dessen zweiter Reise von 1493–1496 zu. Sie stammen nicht von der dritten Reise im Jahr 1498.
Bei den Ortsnamen verweist Katino an der brasilianischen Küste höchstwahrscheinlich auf Cananéia, ungefähr bei 25° südlicher Breite. Zuordnungen weiter südlich sind unsicher.
Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Forschung. Die Antarktis-Behauptung gehört nicht zu ihren bestätigten Ergebnissen.
Wo ist die Piri-Reis-Karte? Das Original im Topkapı-Palast
Das Original wird in der Bibliothek des Topkapı-Palastmuseums aufbewahrt. Die UNESCO-Nominierungsunterlagen führen es unter der Nummer 1633 in der Sammlung des Revan-Pavillons.
Dieselben Unterlagen halten fest, dass die Karte lichtempfindlich ist. Sie wird nicht dauerhaft ausgestellt. Zu besonderen Anlässen war sie zu sehen, etwa bei den Feierlichkeiten zu ihrem 500. Jahrestag.
Wenn du einen Besuch planst, erkundige dich vorher beim Museum. Rechne nicht damit, das Original in einem Ausstellungsraum zu sehen.
Piri-Reis-Karte kaufen: PDF, Druck und Download
Das Original ist ein Museumsobjekt in einer Palastsammlung und steht deshalb nicht zum Verkauf. Wenn du ein Poster oder einen Druck siehst, handelt es sich um eine Reproduktion.
Laut den UNESCO-Nominierungsunterlagen können Forschende digitale Bilder mit Genehmigung der Direktion des Topkapı-Palastmuseums erhalten. Das ist der Weg zu einer hochauflösenden Kopie.
Die Nominierungsunterlagen selbst kannst du kostenlos als PDF öffnen. Du findest sie unten in der Quellenliste.
Zeitleiste
- 1513: Piri Reis vollendet seine Weltkarte in Gallipoli.
- 1517: Nach der osmanischen Eroberung Ägyptens überreicht er die Karte Sultan Selim I.
- 1528: Piri Reis zeichnet eine zweite Weltkarte.
- 1929: Halil Ethem, Direktor der Nationalmuseen, findet das erhaltene Fragment im Topkapı-Palast.
- 1931: Paul Kahle stellt seine Ergebnisse beim Orientalistenkongress in Leiden vor.
- 1932: Die Stellungnahme der Türkischen Historischen Gesellschaft und Fotografien erscheinen in The Illustrated London News.
- 1966: Charles Hapgood veröffentlicht Maps of the Ancient Sea Kings.
- 2000: Gregory C. McIntosh veröffentlicht seine Untersuchung zu den Quellen der Karte und ihrer Deutung als Darstellung der Antarktis.
- 2012: Karen Pinto veröffentlicht ihren Aufsatz zur islamischen Ikonografie der Karte.
- 2016: Masseti und Veracini veröffentlichen ihre Untersuchung der Tierdarstellungen.
Wie die Karte wiederentdeckt wurde
Laut der Erläuterung der Türkischen Historischen Gesellschaft (Türk Tarih Kurumu) fand Halil Ethem die Karte 1929 im Topkapı-Palast. Paul Kahle untersuchte sie gemeinsam mit ihm.
Kahle stellte seine Ergebnisse im September 1931 auf dem XVIII. Orientalistenkongress in Leiden vor. Darauf folgten Presseberichte, von denen einige Fehler enthielten.
Die Türkische Historische Gesellschaft sandte eine Richtigstellung. Sie veröffentlichte die Stellungnahme und Fotografien der Karte am 23. Juli 1932 in The Illustrated London News.
Hier kannst du ein Muster erkennen. Ein seltenes Objekt taucht auf, die Nachricht verbreitet sich schnell, und Fehler verbreiten sich mit ihr. Die Antarktis-Geschichte ist ein späteres Beispiel dafür.
Die Karte von 1528 ist eine andere Karte
Bei der Suche nach der Piri-Reis-Karte werden häufig zwei Werke verwechselt. Piri Reis zeichnete 1528 eine zweite Weltkarte. Sie ist ein eigenständiges Werk und gehört nicht zum Fragment von 1513.
Die Karte von 1528 zeigt den Nordatlantik sowie die Küsten Nord- und Mittelamerikas. Das Fragment von 1513 zeigt die Ostküsten Südamerikas. Achte beim Lesen darauf, die beiden auseinanderzuhalten.
Details, die du nicht in Reiseführern findest
- Die Karte ist abgeschnitten. Erläuterungen am rechten Rand brechen mitten im Text ab. Das ist ein materieller Hinweis darauf, dass das erhaltene Stück zu einer größeren Karte gehört.
- Zweimal die Jungferninseln. Die Karte zeigt die Jungferninseln zweimal. Das veranschaulicht die Probleme, die beim Zusammenführen verschiedener Quellen entstanden.
- Eine Gestalt mit dem Gesicht auf der Brust. Im brasilianischen Abschnitt identifiziert Karen Pinto (2012) eine Gestalt mit einem Gesicht auf der Brust als Blemmyer, ein sagenhaftes Menschenwesen. Die Anmerkung auf der Karte gibt seine Größe mit sieben Spannen an. Der Abstand zwischen seinen Augen beträgt demnach eine Spanne. Außerdem bezeichnet sie die Gestalt als harmlos.
- Tiere aus älteren Bildtraditionen. Marco Masseti und Cecilia Veracini (2016) bringen viele Tierdarstellungen mit der spätmittelalterlichen Ikonografie Europas und des Nahen Ostens in Verbindung. Zu den Papageien der Karibik nennen sie außerdem eine Möglichkeit: Diese könnten von der verlorenen Karte des Kolumbus übernommen worden sein, statt auf älteren Bildvorlagen zu beruhen.
FAQ
Zeigt die Piri-Reis-Karte wirklich die Antarktis?
McIntoshs Untersuchung weist die Deutung zurück, die Karte belege antike oder außerirdische Kenntnisse über die Antarktis. Hapgood stellte die Behauptung 1966 auf. Das südliche Land lässt sich als Terra Australis deuten. Der Knick der südamerikanischen Küste nach Osten lässt sich durch die Anpassung an das Pergament erklären.
Wo befindet sich die Piri-Reis-Karte heute?
Sie wird unter der Nummer 1633 in der Sammlung des Revan-Pavillons der Bibliothek des Topkapı-Palastmuseums aufbewahrt. Sie wird nicht dauerhaft ausgestellt.
Kann ich eine hochauflösende Kopie bekommen?
Forschende können mit Genehmigung der Direktion des Topkapı-Palastmuseums digitale Bilder erhalten.
Wie viel von der Karte ist erhalten?
Etwa ein Drittel. Das Fragment zeigt die Westküsten Europas und Afrikas sowie die Ostküsten Südamerikas.
Ist die Karte von 1528 dieselbe wie die von 1513?
Nein. Die Karte von 1528 ist eine zweite Weltkarte. Sie zeigt den Nordatlantik sowie die Küsten Nord- und Mittelamerikas.
Quellen
- Vikipedi — Pîrî-Reis-Karte tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Piri-Reis-Karte en.wikipedia.org
- UNESCO — Nominierungsunterlagen zur Weltkarte des Piri Reis media.unesco.org
- Türk Tarih Kurumu — Erläuterung zur Karte des Pirî Reis ttk.gov.tr
- University of Georgia Press — Die Piri-Reis-Karte von 1513 ugapress.org
- Karen Pinto — Die Weltkarte des Piri Reis von 1513 und ihre Bezüge zur islamischen Ikonografie dergipark.org.tr
- University of Lisbon — Die zoomorphen Darstellungen auf der Karte des Pîrî Reis (1513) repositorio.ulisboa.pt
- TDV İslâm Ansiklopedisi — Pîrî Reis islamansiklopedisi.org.tr
Image: Piri reis world map 01.jpg — Piri Reis, Public domain






