Du kennst Ragnar Lothbrok wahrscheinlich aus einer Fernsehserie. Schwieriger ist die Frage, ob der Mann hinter der Figur tatsächlich gelebt hat. Die kurze Antwort: Niemand kann es bestätigen. Die längere Antwort ist interessanter. Denn bei dem Heer, das seine angeblichen Söhne nach England führten, sieht die Sache anders aus. Es hinterließ schriftliche und archäologische Spuren, denen du noch heute folgen kannst.
Gab es Ragnar Lothbrok wirklich?
Ragnar Lodbrok gilt als skandinavischer Sagenheld. Er wird mit den Wikingerüberfällen des 9. Jahrhunderts verbunden. Seine historische Existenz ist nicht nachgewiesen.
Eine Theorie verweist auf Reginheri, der 845 Paris angriff. Manche halten ihn für das historische Vorbild Ragnars. Sicher ist diese Gleichsetzung nicht.
Die World History Encyclopedia mahnt zu einer Unterscheidung. Ob die Belagerung von 845 stattfand und wer der Sagenheld war, sind getrennte Fragen. Eine Belagerung kann historisch belegt sein, ohne dass der mit ihr verbundene Held tatsächlich gelebt hat.
Es gibt auch eine andere Sichtweise. Danach vereint die Ragnar-Geschichte Erzählungen unterschiedlicher Herkunft. Sie wäre also keine Biografie eines einzelnen Mannes. Stell dir vor, wie eine Familiengeschichte am Esstisch immer weiter wächst. Verschiedene Onkel steuern ihre Einzelheiten bei. Am Ende hat ein einziger „Großvater“ alles erlebt.
Gesichert lässt sich nur Folgendes sagen: Ein einzelner Mann, der genau so lebte, wie die Sagas erzählen, ist nicht nachweisbar. Es ist möglich, dass Geschichten mehrerer Menschen unter einem Namen zusammenflossen.
Was bedeutet „Lothbrok“?
Lodbrok und Lothbrok sind unterschiedliche Schreibweisen des altnordischen Namens Ragnarr Loðbrók. Loðbrók ist kein moderner Nachname. Es ist ein Beiname und bedeutet ungefähr „zottelige Hose“.
Du kennst vermutlich jemanden, der seinen Spitznamen ein Leben lang behielt. Hier steckt derselbe Gedanke dahinter. Der Name beschreibt den Mann. Vielleicht überdauerte er sogar das Wissen über dessen tatsächliches Leben.
Woher kam Ragnar Lothbrok, und wo wurde er geboren?
Die hier verwendeten Quellen nennen keinen Geburtsort. Sie machen aber eine Angabe zu seiner Familie. Isländische Erzählungen stellen den sagenhaften Herrscher Sigurd Ring als seinen Vater dar.
Das ist eine Angabe aus einer Saga, kein Geburtseintrag. Ein Vater, der selbst eine Sagengestalt ist, verrät dir etwas über die Erzähltradition. Er liefert keinen Beleg für ein Dorf oder ein Datum.
Der wichtigste Text über Ragnars Leben ist die Ragnars saga loðbrókar. Ihre überlieferte Fassung stammt aus dem späten 13. Jahrhundert. Damit entstand sie Jahrhunderte nach den Überfällen, die sie beschreibt.
Ragnar Lothbroks Frau und seine zweite Frau
In der Saga heiratet Ragnar zunächst Thora Borgarhjort. Nach ihrem Tod heiratet er Aslaug, die er unter dem Namen Kráka kennengelernt hatte. In dieser Erzählung ist Aslaug also seine zweite Frau.
Bei Lagertha liegt der Fall anders. Ihre Ehe mit Ragnar ist kein gesicherter familiengeschichtlicher Befund. Sie gehört zur Sagentradition, die Saxo Grammaticus überliefert hat.
Wenn du über seine Frauen liest, betrachte sie als Figuren einer Erzählung. Behandle sie nicht wie Einträge in einem Personenregister.
Ragnar Lothbroks Söhne
Die isländische Darstellung nennt Ivar, Björn, Hvitserk, Ragnvald und Sigurd als Söhne von Ragnar und Aslaug. Die Sagentradition schreibt Ragnar außerdem zwei Söhne mit Thora zu: Erik und Agnar.
Die Listen unterscheiden sich je nach Quelle. Es lässt sich nicht beweisen, dass alle Männer, die als seine Söhne bezeichnet werden, denselben Vater hatten.
Das ist besonders bei Ivar wichtig. Ivar der Knochenlose ist der bekannteste unter ihnen. Seine Anwesenheit in England ist wesentlich besser belegt als seine Abstammung.
Wie starb Ragnar laut der Sage?
Der Sage zufolge geriet Ragnar auf einem Feldzug nach England in die Gefangenschaft von Ælla, dem König von Northumbria. Anschließend wurde er in einer Schlangengrube getötet.
Als Todesjahr wird häufig 865 genannt. Das ist eine traditionelle Datierung. Sie beruht nicht auf einem zeitgenössischen Eintrag über seinen Tod.
Das Gedicht, in dem der sterbende Ragnar spricht, heißt Krákumál. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert. Es ist keine Aufzeichnung aus dem 9. Jahrhundert.
Rache oder Invasion? Das Große Heer
Die Sagentradition erklärt die Ankunft des Großen Heeres in England als Rache für Ragnars Tod. Diese Erklärung gehört zur skandinavischen Sagenüberlieferung. Unabhängige historische Quellen bestätigen sie nicht.
Was die Quellen hingegen zeigen: Das Große Heer unter Halfdan und Ivar kam 865 nach Ostanglien. Das Heer der beiden nahm York am 1. November 866 ein.
Im März 867 fielen die northumbrischen Könige Ælla und Osberht im Kampf gegen die Wikinger bei York.
Bei Ællas Tod widersprechen sich Sage und Chronik. In der Ragnar-Sage wird er beim Ritual des „Blutadlers“ zu Tode gefoltert. Die Angelsächsische Chronik berichtet dagegen, dass er 867 im Kampf starb.
Nur eine dieser beiden Darstellungen stammt aus einer Chronik. Berücksichtige das, wenn du sie bewertest.
Zeitleiste
- 845: Reginheri griff Paris an. Seine Gleichsetzung mit Ragnar ist umstritten.
- 865: Das Große Heer kam nach Ostanglien.
- 1. November 866: Halfdans und Ivars Heer eroberte York.
- März 867: Die northumbrischen Könige Ælla und Osberht fielen im Kampf gegen die Wikinger.
- 872–873: Das Große Heer überwinterte in Torksey.
- 873–874: Das Große Heer überwinterte in Repton.
- 876: Halfdan verteilte Land in Northumbria unter seinen Männern.
- 12. Jahrhundert: Das Gedicht Krákumál über Ragnars Tod entstand.
- Spätes 13. Jahrhundert: Aus dieser Zeit stammt die überlieferte Fassung von Ragnars Saga.
- 2018: Eine neue Datierung der menschlichen Überreste aus Repton wurde veröffentlicht. Sie berücksichtigte den marinen Reservoireffekt.
Was die Ausgrabungen zeigen: Torksey und Repton
Das Große Heer verbrachte den Winter 872–873 in Torksey in Lincolnshire. Das Lager erstreckte sich über etwa 55 Hektar. Funde belegen Metallverarbeitung, handwerkliche Produktion und Handel. Hier lag also mehr als ein Heer auf dem Durchmarsch. Es war eine Siedlung, in der gearbeitet wurde.
873–874 überwinterte das Heer in Repton. Dort wurde ein D-förmiger Graben nachgewiesen. Er bezog die Kirche St Wystan in die Verteidigungsanlage ein.
Eine massenhafte Ansammlung menschlicher Knochen in Repton enthielt die Überreste von mindestens 264 Menschen. Etwa 20 Prozent von ihnen waren Frauen.
Die Datierung ins 9. Jahrhundert passt zu einer Verbindung mit dem Großen Heer. Forschende betonen aber, dass die Datierung allein diese Zuordnung nicht beweist.
Details, die du nicht im Reiseführer findest
- Das Lager von Torksey war eine Werkstatt. Es erstreckte sich über etwa 55 Hektar. Funde weisen auf Metallverarbeitung, handwerkliche Produktion und Handel hin.
- Radiokarbondatierungen wurden korrigiert. Einige Knochen aus Repton erschienen älter, als sie waren. Ursache war alter Kohlenstoff aus Meeresnahrung. Die Studie von 2018 korrigierte diesen Effekt.
- Ein Grab in Repton enthielt auffällige Beigaben. Darin lagen zwei Männer. Bei dem älteren lagen ein Thorshammer-Anhänger und ein Schwert. Zwischen seinen Beinen war ein Eberhauer platziert worden.
- Das berühmte Todesgedicht entstand spät. Das Krákumál legt dem sterbenden Ragnar Worte in den Mund. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist damit keine Aufzeichnung aus dem 9. Jahrhundert.
Nach dem Krieg: Landwirtschaft
876 verteilte Halfdan Land in Northumbria unter seinen Männern. Die Angelsächsische Chronik hält fest, dass sie begannen, ihren Lebensunterhalt durch dessen Bestellung mit dem Pflug zu verdienen.
Eine gewaltsame Geschichte fand damit einen alltäglichen Abschluss. Aus Soldaten wurden Bauern.
Haarschnitt, Frisur, Tattoos und Zitate
Viele suchen nach Ragnars Haarschnitt, seiner Frisur und seinen Tattoos. Die für diesen Artikel verwendeten Quellen sagen dazu nichts. Sie beschreiben weder sein Haar noch Markierungen auf seinem Körper.
Dasselbe gilt für Zitate. Die wichtigste ihm zugeschriebene „Rede“ ist das Gedicht Krákumál. Es ist ein Werk des 12. Jahrhunderts, keine Aufzeichnung aus dem 9. Jahrhundert.
Sei deshalb vorsichtig, wenn ein Spruch, ein Aussehen oder ein Tattoo dem historischen Ragnar zugeschrieben wird. Was weder in den Sagas noch im Gedicht steht, stammt wahrscheinlich aus einer fiktionalen Darstellung.
Worauf du dich verlassen kannst
Die Sagas sind starke Erzählungen. Als Belege für das Leben eines einzelnen Mannes sind sie schwach.
Beim Großen Heer ist es umgekehrt. Du kannst seinen Weg durch York, Torksey und Repton verfolgen. Schriftliche Einträge und archäologische Ausgrabungen machen ihn nachvollziehbar.
Gab es Ragnar Lothbrok also wirklich? Eine Sagengestalt trug diesen Namen. Ein reales Heer unter Ivar und Halfdan hinterließ reale Spuren. Halte diese beiden Dinge auseinander.
FAQ
War Ragnar Lothbrok eine reale Person?
Das lässt sich nicht bestätigen. Manche sehen einen historischen Kern in Reginheri, der 845 Paris angriff. Diese Verbindung ist unsicher. Andere verstehen seine Geschichte als Verschmelzung von Erzählungen unterschiedlicher Herkunft.
Wer waren seine Söhne?
Die isländische Darstellung nennt Ivar, Björn, Hvitserk, Ragnvald und Sigurd als seine Söhne mit Aslaug. Die Sagentradition nennt Erik und Agnar als seine Söhne mit Thora. Die Quellen unterscheiden sich.
Wer waren seine Frauen?
In der Saga ist Thora Borgarhjort seine erste Frau und Aslaug (Kráka) seine zweite. Lagertha stammt aus der Sagentradition des Saxo Grammaticus.
Wo wurde er geboren?
Die hier verwendeten Quellen sagen das nicht. Sie nennen lediglich Sigurd Ring als seinen Vater in isländischen Erzählungen.
Quellen
- Lex — Ragnar Lodbrog lex.dk
- Vikipedi — Ragnar Lodbrok tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Ragnar Lodbrok en.wikipedia.org
- Store norske leksikon — Ragnar Lodbrok snl.no
- World History Encyclopedia — Ragnar Lothbrok worldhistory.org
- World History Encyclopedia — Ivar der Knochenlose worldhistory.org
- History of York — Zeitleiste der Wikinger historyofyork.org.uk
- History of York — Wikingerinvasion historyofyork.org.uk
- The Antiquaries Journal — Das Winterlager des Großen Wikingerheeres cambridge.org
- Archaeology Data Service — Ergebnisse aus Torksey archaeologydataservice.ac.uk
- Antiquity — Das Große Wikingerheer in England: neue Datierungen aus dem Beinhaus von Repton cambridge.org
- University of Bristol — Radiokarbondatierung zeigt: Das Massengrab stammt tatsächlich aus der Wikingerzeit bristol.ac.uk
Image: Ragnar Lodbrok död.jpg — Hugo Hamilton, Public domain






