Artvin liegt am linken Hang des Çoruh-Tals im Nordosten der Türkei. Seine Geschichte ist die einer Talstadt an Straßen, Flüssen und Grenzen. Heere, Händler und Zuwanderer zogen hindurch. Sie alle hinterließen Spuren: eine Kirche, eine Moschee, eine Brücke oder eine Festung.
Hier kannst du diese Geschichte der Reihe nach verfolgen. Außerdem erfährst du, warum dir niemand mit Sicherheit sagen kann, woher der Name „Artvin“ stammt.
Artvins Geschichte: eine mittelalterliche Stadt am Çoruh
Artvin entwickelte sich im Mittelalter als Stadt am linken Hang des Çoruh-Tals. Damals lag es in der Region Klardschetien (Klarceti). In den dortigen Siedlungen trafen Straßen aus Erzurum, Ardahan, Ardanuç, Batumi (Batum) und Hopa zusammen. Artvin gehörte zu diesen Orten.
Stell dir einen heutigen Busknotenpunkt vor, an dem mehrere Fernstraßen zusammenlaufen. Geschäfte, Gasthäuser und Werkstätten siedeln sich dort an, weil alle einen Halt einlegen müssen. So funktionierte ein Straßenknotenpunkt auch im Mittelalter.
Der Fluss war ebenso wichtig wie die Straßen. Das Stadtzentrum gehörte zu den Anlegestellen am Çoruh für den Flusstransport zwischen Artvin und Batumi. Waren und Menschen konnten auf dem Wasser talabwärts gelangen.
Georgische Klöster und die Dolishane-Kirche
Das Tal besitzt ein bedeutendes Erbe georgischer Klöster. Ein Beispiel ist Parekhi in der Provinz Artvin.
Ein weiteres ist die Dolishane-Kirche im Dorf Hamamlı. Ihren Inschriften zufolge ließ König Sumbath sie vom Architekten Gabriel errichten. Sumbath regierte 954-958. Daher lässt sich die Kirche auf diese Jahre datieren.
Vom ursprünglichen Kloster ist nur die Kirche erhalten. Im 16. Jahrhundert begann die Nutzung eines Gebäudeteils als Moschee.
Ein weiteres Kloster steht im Dorf İşhan im Landkreis Yusufeli. Seine Kirche und eine nordwestlich davon gelegene Kapelle sind erhalten.
Livâne und die osmanischen Jahrhunderte
Nach dem Feldzug Süleymans des Prächtigen von 1536-1537 wurde der Sandschak Livâne dem Beylerbeylik Erzurum zugeordnet. Er umfasste Artvin und Yusufeli.
1579 entstand die Provinz Çıldır. Von da an war Artvin innerhalb dieser Provinz der Verwaltungssitz des Sandschaks Livâne.
1551 eroberten die Osmanen außerdem die Festung Gevhernik bei Ardanuç. Zwölf Jahre später, 1563, wurde am monumentalen Torturm am Ortseingang eine arabische Inschrift angebracht.
Osmanische Moscheen und Steinbrücken, die du heute noch besuchen kannst
Mehrere Bauwerke aus osmanischer Zeit sind erhalten. Zu ihnen liegen Datierungen vor.
- Salihbey-Moschee, Çayağzı. Laut ihrer osmanisch-türkischen Inschrift ließ Salih Bey, einer der Sandschakbeys von Livana, sie 1792 errichten.
- Zentralmoschee von Ortacalar, Arhavi. Die Inschrift an der Tür nennt 1757. Die Holzdecke und die Kanzel entstanden 1908.
- Berta-Brücke. Diese Brücke aus behauenen Steinen überspannt den Berta-Bach. Sie hat drei Bögen und ist 64,20 Meter lang. Eine Inschrift fehlt, deshalb ist ihre genaue Entstehungszeit unbekannt. Dass die Osmanen sie vor 1878 bauten, ist lediglich eine Vermutung.
- Zwillingsbrücken von Ortacalar. Die beiden einbogigen Steinbrücken werden auf das 18. Jahrhundert geschätzt. Sie stehen an der Straßenabzweigung Küçükköy-Arılı im rechten Winkel zueinander.
Wenn du über diese Brücken gehst, nutzt du dieselbe Art von Übergang, auf die die Menschen im Tal jahrhundertelang angewiesen waren.
Woher kommt der Name Artvin? Konkurrierende Erklärungen
Hier kommt es auf einen ehrlichen Umgang mit den Quellen an. Forschende haben mehrere Erklärungen vorgeschlagen. Keine hat sich durchgesetzt.
- Arta + -ovani. Eine Deutung verbindet das altpersische Wort Arta mit der georgischen Nachsilbe -ovani. Sie geht von der Form Artavani aus.
- Art + van. Hayrettin Tokdemir erklärt den Namen durch zwei türkische Wörter: art für Gebirgspass und van für Heimat. Er lehnt sowohl die georgische als auch die armenische Herkunftsdeutung ab. Zemzem Yücetürk stellt diese Erklärung in ihrem Artikel von 2022 vor und schreibt sie ihm zu.
- Neu-Dvin. Eine Erzählung verbindet den Namen mit „Neu-Dvin“. Diese Stadt sollen Menschen gegründet haben, die Dvin verlassen hatten. Der türkische Wikipedia-Artikel ordnet die Geschichte als Volksetymologie ein, nicht als historisch gesicherte Erklärung.
Die armenische Geschichte von Neu-Dvin und die Deutungen aus türkischen Wortwurzeln sind die wichtigsten Gegenerklärungen zur Theorie Arta + -ovani. Betrachte deshalb vorerst jede eindeutige Antwort als Theorie, nicht als gesicherte Tatsache.
Von osmanischer zu russischer Herrschaft: 1878
Der Berliner Vertrag vom 13. Juli 1878 veränderte die Landkarte. Nach Artikel 58 wurde das Gebiet Batumi, zu dem Artvin gehörte, Russland überlassen.
Die Bevölkerung hatte allerdings eine Wahl. Das Abkommen von Istanbul vom 8. Februar 1879 erkannte ein dreijähriges Auswanderungsrecht an. Einige Einwohner Artvins nutzten es. Sie ließen sich in neu gegründeten Dörfern auf der Kocaeli-Halbinsel nieder.
Die Rückkehr zur Türkei 1921
Das genaue Datum von Artvins Rückkehr hängt von der Quelle ab.
- Am 23. Februar 1921 teilte die georgische Regierung Ankara laut der Provinzverwaltung Artvin mit, dass sie der Abtretung der Bezirke Artvin und Ardahan zustimme.
- Die TDV-Enzyklopädie des Islam nennt den 27. Februar 1921 als Datum der Zugehörigkeit Artvins zur Türkei.
- Laut der Provinzverwaltung Artvin wehte die türkische Flagge ab dem 7. März 1921 in der Stadt.
Die Quellen halten verschiedene Momente fest: eine Mitteilung, Artvins Anschluss an die Türkei und das Hissen einer Flagge in der Stadt. Wähle das Datum passend zu dem Ereignis, an das du erinnern möchtest.
Warum die Provinz Artvin heißt: die Umbenennung 1956
Die Provinz hieß nicht immer Artvin. Am 17. Februar 1956 änderte das Gesetz Nr. 6668 den Namen der Provinz Çoruh in Artvin. Der Stadtname wurde damit erst Mitte des 20. Jahrhunderts zum Provinznamen.
Zeittafel
- Mittelalter: Artvin entwickelt sich an den Verkehrsverbindungen des Çoruh-Tals.
- 954-958: Regierungszeit von König Sumbath, der die Dolishane-Kirche errichten ließ.
- 1536-1537: Nach dem osmanischen Feldzug wird der Sandschak Livâne, der Artvin und Yusufeli umfasst, Erzurum zugeordnet.
- 1551: Die Osmanen erobern die Festung Ardanuç.
- 1563: Datierung der Inschrift am monumentalen Torturm der Festung.
- 1579: Artvin wird Verwaltungssitz des Sandschaks Livâne in der Provinz Çıldır.
- 1757: Datum der Inschrift an der Zentralmoschee von Ortacalar.
- 1792: Die Salihbey-Moschee wird gebaut.
- 1878: Der Berliner Vertrag überlässt Artvin Russland.
- 23. Februar 1921: Georgien teilt Ankara mit, dass es Artvin und Ardahan abtreten wird.
- 7. März 1921: Laut der Provinzverwaltung Artvin weht die türkische Flagge erstmals in der Stadt.
- 17. Februar 1956: Die Provinz Çoruh wird in Artvin umbenannt.
- 1995: Osman Aytekins Team dokumentiert die Inschrift an der Savangin-Höhle.
- 2005: Camili wird zum Biosphärenreservat erklärt.
- 2021: Archäologische Ausgrabungen an der Festung Ardanuç beginnen.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
„Livâne“ bezeichnete das ganze Tal. Ein osmanisches Archivdokument vom 27. März 1849 verwendet den Namen Livâne. Er bezeichnete auch das Çoruh-Tal mit dem Zentrum von Artvin und Yusufeli.
Eine Kirche, die auch Moschee war. Der westliche Teil der İşhan-Kirche wurde zur Moschee umgebaut. Er blieb bis 1983 für Gottesdienste geöffnet.
Ein Baum als Minarett. Das amtliche Inventar hält eine Geschichte über die Zeytinlik-Moschee fest. Saliha Hanım ließ sie 1857 bauen. Eine Platane nördlich des Gebäudes soll auch als Minarett gedient haben. Dies ist als örtliche Überlieferung verzeichnet.
Eine vierzeilige Inschrift über einer Höhle. Laut Sefa Yıldırıms Doktorarbeit von 2007 fand Osman Aytekins Team 1995 eine Inschrift etwa 7 Meter über dem Eingang der Savangin-Höhle in Yusufeli. Sie befindet sich in einem Rahmen von 50 × 35 Zentimetern und besteht aus vier Zeilen.
Die einzige Festung ihrer Art in der Provinz. Die Festung Gevhernik bei Ardanuç ist der einzige Ort in der Provinz Artvin, an dem eine äußere und eine innere Festung gemeinsam zu sehen sind, umgeben von Stadtmauern. Die Ausgrabungen dort begannen 2021.
Natur, die das Tal prägte: Camili
Artvins Geschichte ist auch eine Geschichte der Berge. Camili im Landkreis Borçka wurde 2005 im Rahmen des UNESCO-Programms „Der Mensch und die Biosphäre“ zum ersten Biosphärenreservat der Türkei. Laut der Türkischen Nationalkommission für die UNESCO beherbergt das Reservat im Karçal-Gebirge 990 Pflanzenarten. Davon sind 23 endemisch.
FAQ
Was bedeutet der Name Artvin?
Eine abschließend geklärte Antwort gibt es nicht. Eine Erklärung verbindet das altpersische Arta mit der georgischen Nachsilbe -ovani. Eine andere deutet den Namen als Verbindung des türkischen art für Gebirgspass mit van für Heimat. Die Geschichte von Neu-Dvin gilt als Volksetymologie.
Seit wann gehört Artvin zur Türkei?
Die TDV-Enzyklopädie des Islam nennt den 27. Februar 1921. Laut der Provinzverwaltung Artvin wehte die türkische Flagge ab dem 7. März 1921 in der Stadt.
Stand Artvin einmal unter russischer Herrschaft?
Ja. Artikel 58 des Berliner Vertrags vom 13. Juli 1878 sprach das Gebiet Batumi einschließlich Artvin Russland zu.
Wann erhielt die Provinz den Namen Artvin?
Am 17. Februar 1956 änderte das Gesetz Nr. 6668 den Namen der Provinz Çoruh in Artvin.
Was war Livâne?
Eine osmanische Bezirksbezeichnung. Der Sandschak Livâne umfasste Artvin und Yusufeli. 1579 wurde Artvin sein Verwaltungssitz innerhalb der Provinz Çıldır.
Quellen
- TDV-Enzyklopädie des Islam — Artvin islamansiklopedisi.org.tr
- Wikipedia — Artvin (einschließlich des Abschnitts zur Etymologie) tr.wikipedia.org
- Provinzverwaltung Artvin — Geschichte der Provinz Artvin artvin.gov.tr
- Zemzem Yücetürk — Die Schwierigkeiten der Auswanderer aus Livane nach dem Krieg von 1877/78 ktu.edu.tr
- Kulturportal — Dolishane-Kirche kulturportali.gov.tr
- Kulturportal — İşhan-Kirche kulturportali.gov.tr
- Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Artvin — Moscheen artvin.ktb.gov.tr
- Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Artvin — Berta-Brücke artvin.ktb.gov.tr
- Kulturportal — Brücken als Zeugen der Geschichte kulturportali.gov.tr
- Kulturportal — Ardanuç / Festung Gevhernik kulturportali.gov.tr
- Atatürk-Universität — Sefa Yıldırım, Historische und archäologische Forschungen im Okçular/Berta-Becken und seiner Umgebung eski.atauni.edu.tr
Image: Artvin Castle 4046.jpg — Dosseman, CC BY-SA 4.0
