Wenn du nach der Geschichte von Şanlıurfa suchst, begegnest du einer Stadt mit mehreren Namen und vielen Herrschern. Sie liegt im Südosten der Türkei. Ihre Geschichte beginnt lange vor der Erfindung der Schrift. Ihren heutigen Namen trägt sie erst seit wenigen Jahrzehnten.
Hier kannst du diese Geschichte der Reihe nach verfolgen. Dabei erfährst du auch, warum die Herkunft des Wortes „Urfa“ noch immer ungeklärt ist.
Die Geschichte von Şanlıurfa im Überblick
Die ältesten Spuren liegen nicht in der Stadt selbst, sondern im nahe gelegenen Göbekli Tepe. Laut UNESCO errichteten Gemeinschaften von Jägern und Sammlern dort zwischen 9600 und 8200 v. Chr. runde, ovale und rechteckige Monumentalbauten.
Einige der T-förmigen Kalksteinpfeiler erreichen eine Höhe von 5,5 Metern. Die UNESCO nahm die Stätte 2018 in die Welterbeliste auf.
Die Anlage wird oft als Tempel bezeichnet. Die UNESCO beschreibt sie vorsichtiger. Überreste von Wohnbauten schränken die Deutung ein, dass sie ausschließlich aus Tempeln bestand. Die Monumentalbauten werden mit Ritualen und gemeinschaftlichen Zusammenkünften verbunden. Möglicherweise lebten dort aber auch Menschen.
Die späteren Epochen lassen sich leichter nachzeichnen. Die Stadt war zunächst ein hellenistisches, dann ein islamisches Zentrum. Später wurde sie zur Hauptstadt eines Kreuzfahrerstaates und schließlich zu einer osmanischen Stadt. Im 20. Jahrhundert kämpfte sie um ihre Freiheit und erhielt dafür einen neuen Namen.
Woher kommt der Name Urfa?
Das ist die schwierigste Frage. Die ehrliche Antwort lautet: Niemand weiß es mit Sicherheit.
Einer Theorie zufolge leitet sich Urfa vom syrischen Orhai oder Urhay ab. Eine andere verbindet den Namen mit Osrhoëne oder Orrpei. Die TDV-Enzyklopädie des Islam verweist auf Einwände gegen diese Erklärungen und bezeichnet die Herkunft als umstritten.
Bei den anderen Namen ist die Überlieferung eindeutiger. Der hellenistische Name Edessa stammt aus der Zeit der Seleukiden. Sie übernahmen ihn von einer gleichnamigen königlichen Residenz in Makedonien.
Osmanische Quellen verwendeten den Namen Ruha. Er geht auf das arabische Ruhâ zurück. Die Form Urfa verbreitete sich vermutlich, als gesprochenes Türkisch schriftlich festgehalten wurde.
Dieselbe Stadt war also als Edessa, Ruha und Urfa bekannt. Jeder Name gehört zu einer anderen Epoche und einer anderen Sprache.
Edessa und die antike Stadt
In der Antike begegnet dir die Stadt unter dem Namen Edessa. Er ist mit den Seleukiden verbunden, die nach der hellenistischen Expansion herrschten.
Kunstwerke aus dieser Welt sind erhalten geblieben. Das auf 194 n. Chr. datierte Orpheus-Mosaik trägt eine syrische Inschrift. Darauf steht auch der Name des Künstlers: Bar Saged.
Ein weiterer Fund stammt aus Haleplibahçe. Die Amazonenvilla (Amazonlar Villası) wurde bei Ausgrabungen unter Leitung des Museums von Şanlıurfa freigelegt. Die wissenschaftliche Untersuchung datiert sie in das 5. und 6. Jahrhundert n. Chr.
Das Orpheus-Mosaik hat auch eine neuere Geschichte. Bei einer Raubgrabung in Şanlıurfa wurde es 1998 aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen. Später wurde es vom Dallas Museum of Art zurückgegeben und am 6. Dezember 2012 in die Türkei gebracht.
Die islamische Geschichte von Şanlıurfa
Die islamische Epoche begann mit einer Eroberung. İyâz bin Ganm nahm Urfa im Jahr 639 ein, während des Kalifats von Umar.
Auch Glaube und Legenden prägen das Stadtzentrum. Balıklıgöl ist ein Besuchsort, der mit einer Glaubensüberlieferung über Abraham verbunden ist. Danach verwandelte sich das Feuer, in das Nimrod (Nemrut) ihn geworfen hatte, in Wasser.
Südwestlich von Balıklıgöl steht die Halilürrahman-Moschee (Halilürrahman Camii). Eine Inschrift am Minarett mit quadratischem Schaft datiert den Bau auf 1211. Sie nennt den Ayyubidenherrscher al-Malik al-Aschraf Muzaffaruddin Musa als Auftraggeber.
Die islamische Geschichte verlief nicht geradlinig. In den folgenden Jahrzehnten herrschten sowohl Kreuzfahrer als auch Zengiden über die Stadt.
Die Kreuzfahrergrafschaft und die Rückkehr der Zengiden
Am 10. März 1098 übernahm Balduin von Boulogne die Regierung der Stadt. Damit gründete er die Kreuzfahrergrafschaft Edessa. Urfa wurde zur Hauptstadt eines Kreuzfahrerstaates.
Die Grafschaft bestand nicht auf Dauer. Am 24. Dezember 1144 zogen die Truppen von Imad ad-Din Zengi in Urfa ein. Vorausgegangen war eine etwa vierwöchige Belagerung.
Zwei Jahreszahlen, 1098 und 1144, markieren hier den Beginn und das Ende der Kreuzfahrerherrschaft.
Şanlıurfa in der Türkei: die osmanischen Jahrhunderte
Laut dem Kulturatlas von Şanlıurfa kam die Stadt 1517 unter osmanische Herrschaft. Die traditionellen Häuser von Urfa, die heute noch erhalten sind, stammen aus der osmanischen Zeit.
Diese Epoche hinterließ deutliche Spuren im alten Stadtzentrum. 1736 ließ der Gouverneur von Raqqa, Rıdvan Ahmet Pascha, die Rızvaniye-Moschee (Rızvaniye Camii) mit ihren drei Kuppeln errichten. Sie steht am Nordufer des Halilürrahman-Sees.
Auch der Zollhan (Gümrük Hanı) gehört in diese Welt. Halhallı Behram Pascha, der Gouverneur von Urfa, ließ das zweigeschossige Gebäude errichten. Seine zweifarbigen Fassaden aus behauenen Steinen brachten ihm den zweiten Namen Alaca Han ein.
Der Handel hatte ebenfalls ein eigenes Gebäude. Der Bedesten des Kazaz-Basars besteht aus behauenen Steinen. Er hat vier Tore. Sie führen zum Han-Önü-Basar, zum Sipahi-Basar, zum Pamukçu-Basar und zum Zollhan.
Traditionelle Häuser zeigen, wie die Familien lebten. Meist sind sie in zwei Bereiche aufgeteilt: Haremlik und Selamlık. Zum Selamlık gehören ein Zimmer und ein Iwan für männliche Gäste. Außerdem gibt es dort einen Kamelstall, in dem Tiere untergebracht wurden.
Auch nichtmuslimische Gemeinden hinterließen ihre Gebäude. Die Kirche St. Peter und Paul (Aziz Petrus ve Aziz Paulus Kilisesi) nahe dem Ellisekiz-Platz wurde 1861 erbaut. Nach 1924 nutzte sie das staatliche Tabakmonopol Tekel. Deshalb wurde sie im Volksmund als Reji-Kirche bekannt.
Von der Besatzung zur Befreiung
Im 20. Jahrhundert erreichte der Krieg die Stadt. Am 24. März 1919 besetzten britische Truppen Urfa. Im Oktober desselben Jahres lösten französische Truppen die Briten ab.
Der Befreiung Urfas von der französischen Besatzung wird am 11. April 1920 gedacht. Zum hundertsten Jahrestag erinnerte das türkische Parlament mit einer offiziellen Erklärung an diesen Tag.
Warum aus Urfa Şanlıurfa wurde
Der Widerstand im türkischen Unabhängigkeitskampf ist der Grund für den neuen Namen. „Şanlı“ bedeutet „ruhmreich“.
Das Gesetz zur Umbenennung von Urfa in Şanlıurfa verabschiedete das türkische Parlament am 12. Juni 1984. Am 22. Juni 1984 wurde es im Amtsblatt veröffentlicht.
Der heutige Name besteht somit aus einem alten Namen und einem hinzugefügten Ehrentitel. Er ist kein antikes Wort, dessen Bedeutung verloren gegangen ist.
Zeitleiste
- 9600–8200 v. Chr.: Die Monumentalbauten von Göbekli Tepe entstehen.
- Hellenistische Zeit: Unter den Seleukiden wird der Name Edessa verwendet.
- 194 n. Chr.: Das Orpheus-Mosaik mit dem Namen des Künstlers Bar Saged entsteht.
- 639: İyâz bin Ganm erobert Urfa.
- 10. März 1098: Balduin von Boulogne gründet die Kreuzfahrergrafschaft Edessa.
- 24. Dezember 1144: Die Truppen von Imad ad-Din Zengi nehmen Urfa ein.
- 1211: Die Inschrift am Minarett der Halilürrahman-Moschee nennt dieses Jahr als Baudatum.
- 1517: Urfa kommt unter osmanische Herrschaft.
- 1736: Die Rızvaniye-Moschee wird erbaut.
- 1861: Die Kirche St. Peter und Paul wird erbaut.
- 1919: Zunächst besetzen britische, dann französische Truppen Urfa.
- 11. April 1920: Gedenktag der Befreiung von der französischen Besatzung.
- 12. Juni 1984: Das Parlament beschließt die Umbenennung in Şanlıurfa.
- 22. Juni 1984: Die Namensänderung wird im Amtsblatt veröffentlicht.
- 6. Dezember 2012: Das Orpheus-Mosaik kehrt aus Dallas in die Türkei zurück.
- 2018: Göbekli Tepe wird in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
Türen ohne Nägel. Die hölzernen Türflügel der Rızvaniye-Moschee tragen pflanzliche und geometrische Verzierungen. Die Handwerker fertigten sie mit Steckverbindungen und Einlegearbeiten, ohne Nägel zu verwenden.
Wasser unter den Teetischen. Im Innenhof des Zollhans gibt es Teehäuser. Wenn du dort bei einem Glas Tee sitzt, denk daran: Das Wasser des Halilürrahman-Sees fließt durch das Gebäude.
Vogelnischen und Brotkrümel. Die Hofmauern traditioneller Häuser in Urfa haben Nischen für Vögel. Die darin lebenden Vögel fanden ihr Futter in den Blumenbeeten. Dort schüttelten die Menschen ihre Brotkrümel aus.
Beweise aus der Kamera der Schmuggler. Bei der Rückgabe des Orpheus-Mosaiks spielten Fotos der Schmuggler eine Rolle. Sie hatten das Mosaik vor seiner Entfernung fotografiert. Die Staatsanwaltschaft war bei ihren Ermittlungen an diese Bilder gelangt. Sie wurden dem Dallas Museum of Art als Beweismittel übermittelt.
Harrans junge Kuppeln. Die Häuser von Harran mit ihren kegelförmigen Kuppeln sind nicht antik. Das Kulturportal datiert die heute sichtbaren Bauten auf die Zeit vor etwa 250 Jahren. Die Bauleute verwendeten Ziegel, die sie auf dem archäologischen Gelände sammelten.
Die historischen Schichten selbst entdecken
Du kannst die Geschichte der Stadt zu Fuß erkunden. Im alten Zentrum liegen die Halilürrahman-Moschee, der See, die Rızvaniye-Moschee, der Zollhan und der Bedesten nur kurze Wege voneinander entfernt.
Eine weitere Station ist das Buluntu-Hoca-Haus (Buluntu Hoca Evi). Es steht an der Sarayönü-Straße gegenüber der Yusuf-Pascha-Moschee (Yusuf Paşa Camii). ŞURKAV restaurierte es 2014 und bewahrte dabei die Aufteilung in Haremlik und Selamlık.
Das Museum von Şanlıurfa und das Mosaikmuseum Haleplibahçe beherbergen die antiken Stücke. Göbekli Tepe liegt in der Nähe der Stadt.
Eine weitere bleibende Wirkung der wechselnden Namen zeigt sich auf der Karte. Auch hundert Jahre nach der Befreiung stehen in der Stadt osmanische Häuser, ayyubidische Inschriften und antike Mosaiken nebeneinander.
FAQ
Warum heißt die Stadt Şanlıurfa?
„Şanlı“ bedeutet „ruhmreich“. Als Anerkennung für den Widerstand der Stadt im türkischen Unabhängigkeitskampf verabschiedete das Parlament am 12. Juni 1984 ein Gesetz, das dem Namen Urfa dieses Wort hinzufügte. Es wurde am 22. Juni 1984 im Amtsblatt veröffentlicht.
Woher kommt der Name Urfa?
Das weiß niemand mit Sicherheit. Manche Forschende führen ihn auf das syrische Orhai/Urhay oder auf Osrhoëne/Orrpei zurück. Die TDV-Enzyklopädie des Islam hält fest, dass es Einwände gegen diese Erklärungen gibt und die Herkunft umstritten bleibt.
Wann wurde Urfa von Muslimen erobert?
İyâz bin Ganm eroberte Urfa im Jahr 639, während des Kalifats von Umar.
Wann wurde Urfa osmanisch?
Nach Angaben des Kulturatlas von Şanlıurfa kam die Stadt 1517 unter osmanische Herrschaft.
Wie hieß Şanlıurfa in der Antike?
Der hellenistische Name lautete Edessa. Die Seleukiden übernahmen ihn von einer gleichnamigen königlichen Residenz in Makedonien. In osmanischen Quellen hieß die Stadt Ruha.
Quellen
- TDV-Enzyklopädie des Islam — Şanlıurfa islamansiklopedisi.org.tr
- Kulturatlas von Şanlıurfa — Verzierungen und Inschriften in traditionellen Häusern urfakulturatlasi.com.tr
- Großstadtverwaltung Şanlıurfa — Geschichte von Şanlıurfa sanliurfa.bel.tr
- TBMM — Erklärung zum 100. Jahrestag der Befreiung Urfas cdn.tbmm.gov.tr
- Provinzdirektion für Familie und soziale Dienste Şanlıurfa — Botschaft zum Ehrentitel „Şanlı“ aile.gov.tr
- UNESCO-Welterbezentrum — Göbekli Tepe whc.unesco.org
- Wikipedia — Provinz Şanlıurfa en.wikipedia.org
- Großstadtverwaltung Şanlıurfa — Kultur und Tourismus in Şanlıurfa sanliurfa.bel.tr
- Kulturportal — Rızvaniye-Moschee kulturportali.gov.tr
- ŞURKAV — Zollhan files.surkav.org.tr
- Kulturportal — Bedesten von Şanlıurfa kulturportali.gov.tr
- ŞURKAV — Traditionelle Häuser von Şanlıurfa, Cihat Kürkçüoğlu files.surkav.org.tr
- Großstadtverwaltung Şanlıurfa und ŞURKAV — Kulturgüter von Şanlıurfa sanliurfa.bel.tr
- Kulturportal — Kuppelhäuser von Harran kulturportali.gov.tr
- Zeitschrift für Archäologie — Ein Mosaik aus der Amazonenvilla in Haleplibahçe, Seçil Çokoğullu dergipark.org.tr
- Ministerium für Kultur und Tourismus — Mosaikmuseum Haleplibahçe muze.gov.tr
- Generaldirektion für Kulturgüter und Museen — Rückgabe des Orpheus-Mosaiks kvmgm.ktb.gov.tr
- Kulturportal — Kirche St. Peter und Paul kulturportali.gov.tr
Image: Urfa Castle 03.jpg — Bernard Gagnon, CC BY-SA 3.0
