Das Königreich Sardinien (Sardinya Krallığı) wurde von Turin (Torino) aus regiert, weil die Stadt seit 1563 die Hauptstadt des Hauses Savoyen (Savoy Hanedanı) war. Das war lange bevor die Dynastie 1720 Sardinien (Sardinya) erwarb. Die Insel lieferte den ranghöchsten Titel der Monarchie. Der Hof und die zentrale Staatsgewalt blieben jedoch in Turin im Piemont (Piyemonte).
Wenn du dich allein am Königstitel orientierst, erscheint Cagliari als naheliegender Regierungssitz. Doch der Weg vom Inseltausch 1720 bis zur italienischen Einigung 1861 führt über den Turiner Hof. Dazu gehören die Verwaltungsvereinigung von 1847, die Verfassung von 1848 sowie Cavours Wirtschafts- und Außenpolitik.
Wie erwarb das Haus Savoyen 1720 Sardinien?
Viktor Amadeus II. (II. Vittorio Amedeo) erhielt seine erste Königskrone durch Sizilien (Sicilya). Der Frieden von Utrecht sprach ihm 1713 die Insel und den Königstitel zu. Sardinien kam erst durch einen späteren Tausch in den Besitz der Dynastie.
Nach dem Krieg der Quadrupelallianz trat Viktor Amadeus II. Sizilien an die österreichischen Habsburger ab und erhielt dafür Sardinien. Der Vertrag von Den Haag bestätigte diese Regelung am 17. Februar 1720. Da Sardinien bereits den Status eines Königreichs hatte, behielt er trotz des Verlusts Siziliens seinen königlichen Rang.
Dieser Tausch erklärt den Staatsnamen. Sardinien lieferte den ranghöchsten Titel der Dynastie. Deshalb wurde die gesamte Monarchie als Königreich Sardinien bekannt. Der Erwerb dieses Titels führte jedoch nicht dazu, dass der Hof seinen angestammten Sitz in Turin verließ.
Warum umfasste das Königreich mehr als die Insel Sardinien?
Zwischen 1720 und 1847 bildeten Sardinien, Savoyen (Savoy), Piemont und Nizza (Nice) eine zusammengesetzte Monarchie. Sie hatten einen gemeinsamen Herrscher, behielten aber unterschiedliche Rechts- und Verwaltungsordnungen. Vor 1847 blieben die savoyischen Festlandsbesitzungen rechtlich getrennte Einheiten.
Du kannst dir das wie die Unterlagen eines Haushalts vorstellen: Mehrere Ordner können zu einem Haushalt gehören, ohne ein einziges Dokument zu bilden. Ebenso bedeutete ein gemeinsamer Herrscher zunächst keine einheitliche Verwaltung. Der sardische Königstitel stand für eine Monarchie, deren einzelne Gebiete weiterhin eigene Institutionen besaßen.
Auch die Festlandsbesitzungen wuchsen. Das Haus Savoyen kehrte 1814 nach Turin zurück. Im Zuge der Neuordnung von 1814–1815 kamen die Gebiete der ehemaligen Republik Genua (Cenova Cumhuriyeti) zum Königreich Sardinien.
Der Unterschied zwischen einem Königstitel und einem Gebiet ist für diese Geschichte entscheidend. Als das Königreich Sardinien später die Lombardei (Lombardiya) und Gebiete in Mittelitalien erwarb, wurden diese Teil der wachsenden Monarchie. Sie wurden keine Teile der Insel Sardinien.
Warum standen Turin und Piemont im Mittelpunkt der Regierung?
Emanuel Philibert (Emanuele Filiberto) verlegte die Hauptstadt des Herzogtums Savoyen 1563 von Chambéry nach Turin. Turin war daher bereits das Regierungszentrum der Dynastie, als diese 1720 Sardinien erwarb. Seine zentrale Rolle war älter als der sardische Name des Königreichs.
Cagliari hatte eine andere Funktion. Die Stadt war die Hauptstadt der Insel und Sitz des Vizekönigs. Der königliche Hof und die zentrale Staatsgewalt befanden sich in Turin. Wenn du diese Aufgaben auseinanderhältst, wird verständlich, warum ein nach einer Insel benanntes Königreich von Piemont aus regiert werden konnte.
Es gab eine erhebliche Unterbrechung. Während der französischen Besetzung Turins von 1798 bis 1814 flüchteten die savoyischen Herrscher nach Sardinien. Cagliari wurde vorübergehend zum tatsächlichen Regierungszentrum der Monarchie. Mit ihrer Rückkehr nach Turin 1814 lag der Regierungssitz wieder auf dem Festland.
Karl Albert (Carlo Alberto) veränderte 1847 das Verhältnis zwischen Insel und Festland. Seine Fusione perfetta hob die administrative Trennung auf und zentralisierte die Institutionen in Turin. Vor dieser Reform hatten die Gebiete einen gemeinsamen Herrscher, behielten aber getrennte Ordnungen. Danach wurden die Institutionen der Monarchie unter der Turiner Regierung zusammengeführt.
Wie prägten die Verfassung von 1848 und Cavours Politik die italienische Einigung?
Am 4. März 1848 erließ Karl Albert das Statuto Albertino. Damit begann im Königreich Sardinien die konstitutionelle Monarchie. Die Legislative bestand aus zwei Kammern: einer gewählten Abgeordnetenkammer und einem Senat, dessen Mitglieder der König auf Lebenszeit ernannte.
Wahlen bedeuteten nicht, dass alle wählen durften. Das Wahlrecht für die Abgeordnetenkammer war Männern vorbehalten, die bestimmte Vermögensanforderungen erfüllten. Die Verfassung schuf repräsentative Institutionen. Zugleich behielt sie einen ernannten Senat und einen eingeschränkten Kreis von Wahlberechtigten bei.
Viktor Emanuel II. (II. Vittorio Emanuele) wurde 1849 König von Sardinien. Mit Cavours Unterstützung rückte die savoyische Monarchie ins Zentrum der italienischen Einigung. Ihre Zusammenarbeit entwickelte sich innerhalb des Verfassungsrahmens, der im Vorjahr geschaffen worden war.
1852 bildeten Cavour und Urbano Rattazzi das Bündnis Connubio. Es vereinte die rechte und die linke Mitte. Gemeinsame Ziele waren der Schutz der Verfassung, die wirtschaftliche Entwicklung und eine Diplomatie im Dienst der Unabhängigkeit. Viktor Emanuel II. ernannte Cavour am 2. November 1852 zum Ministerpräsidenten.
Cavours Wirtschaftsprogramm hatte bereits begonnen. Nachdem er 1850 Minister für Landwirtschaft und Handel geworden war, förderte er den Freihandel durch Abkommen mit Frankreich (Fransa), Belgien (Belçika) und England (İngiltere). Seine erste Regierung trieb 1853 den Ausbau der Kreditinstitute und umfangreiche Investitionen in die Eisenbahn voran.
Diese Politik wurde von Verwaltungsreformen begleitet. Das Cavour-Gesetz vom 23. März 1853 schaffte eigenständige Wirtschaftsämter innerhalb der Zentralverwaltung ab. Ihre Aufgaben gingen an die zuständigen Ministerien über. Damit setzte sich die Bündelung staatlicher Aufgaben nach der Verwaltungsvereinigung von 1847 fort.
Die Diplomatie vergrößerte den Einfluss des Königreichs. Sardinien verbündete sich mit Frankreich und England und trat 1855 in den Krimkrieg ein. Diese Beteiligung ermöglichte es Cavour, die italienische Frage 1856 auf dem Pariser Kongress vor die europäische Diplomatie zu bringen.
Am 21. Juli 1858 traf Cavour Napoleon III. (III. Napolyon) in Plombières. Er trieb Vorbereitungen voran, die auf französischer Unterstützung gegen Österreich (Avusturya) beruhten. Wirtschaftsreformen, parlamentarische Zusammenarbeit und internationale Bündnisse waren somit miteinander verbundene Schritte auf dem Weg zu einer größeren Rolle der Monarchie in Italien (İtalya).
Wie wurde aus dem Königreich Sardinien 1861 das Königreich Italien?
1859 beschleunigte sich die territoriale Ausdehnung. Der Waffenstillstand von Villafranca vom 11. Juli ebnete den Weg dafür, dass die Lombardei mit Ausnahme von Mantua (Mantova) an das Königreich Sardinien fiel. Volksabstimmungen am 11.–12. März 1860 brachten anschließend die Toskana (Toskana) sowie die Herzogtümer Parma und Modena in das Königreich.
Die Erweiterung war auch mit Gebietsabtretungen verbunden. Napoleon III. akzeptierte die sardischen Gebietsgewinne in Mittelitalien und verlangte Nizza und Savoyen. Beide wurden 1860 an Frankreich abgetreten. Die Monarchie wuchs in Italien und gab zugleich diese Besitzungen auf.
Nach Garibaldis Zug der Tausend wurde auch Süditalien Teil dieses Prozesses. Sein Treffen mit Viktor Emanuel II. bei Teano am 26. Oktober 1860 wurde zum Symbol für den Übergang des Südens unter die Herrschaft des Königs.
Am 18. Februar 1861 eröffnete Viktor Emanuel II. das erste italienische Parlament des vergrößerten Königreichs. Es tagte in einem provisorischen Sitzungssaal im Palazzo Carignano in Turin. Die Stadt, von der aus die savoyische Monarchie regiert worden war, beherbergte nun das Parlament des wachsenden italienischen Staates.
Das sardische Gesetz Nr. 4671 vom 17. März 1861 legte fest, dass Viktor Emanuel II. und seine Nachfolger den Titel König von Italien führen würden. Bei diesem Übergang blieben die Monarchie und ihre Institutionen bestehen. Der Herrscher erhielt den italienischen Königstitel.
Roms (Roma) spätere Rolle musst du von diesem Zeitpunkt unterscheiden. Die Stadt wurde am 20. September 1870 eingenommen und am 1. Juli 1871 zur Hauptstadt des Königreichs. Die Proklamation von 1861 lag somit vor der Ernennung Roms zur Hauptstadt.
Zeitleiste
- 1563: Emanuel Philibert verlegt die savoyische Hauptstadt von Chambéry nach Turin.
- 1713: Viktor Amadeus II. erwirbt Sizilien und einen Königstitel.
- 1720: Das Haus Savoyen tauscht Sizilien gegen Sardinien.
- 28. April 1794: In Cagliari beginnt ein Aufstand gegen die piemontesische Verwaltung.
- 1798–1814: Während der französischen Besetzung Turins flüchten die Herrscher nach Sardinien.
- 1814–1815: Die Dynastie kehrt nach Turin zurück; ehemalige genuesische Gebiete kommen zum Königreich.
- 1847: Die Fusione perfetta vereinigt die Verwaltungen von Insel und Festland.
- 4. März 1848: Karl Albert erlässt das Statuto Albertino.
- 1852: Cavour wird Ministerpräsident.
- 1855–1858: Sardinien tritt 1855 in den Krimkrieg ein; Cavour bringt 1856 in Paris die italienische Frage zur Sprache und trifft 1858 Napoleon III. in Plombières.
- 1859–1860: Gebietsgewinne vergrößern die Monarchie; Nizza und Savoyen gehen an Frankreich.
- 18. Februar 1861: Das erste italienische Parlament wird in Turin eröffnet.
- 17. März 1861: Viktor Emanuel II. nimmt den Titel König von Italien an.
Details, die du in keinem Reiseführer findest
Turins Herrschaft stieß auf Sardinien auf Widerstand. Die Regierung lehnte sardische Forderungen nach Beteiligung an öffentlichen Ämtern ab. Daraufhin begann am 28. April 1794 in Cagliari ein Aufstand. Er führte zur Vertreibung des Vizekönigs Balbiano und der piemontesischen Beamten von der Insel.
Auch Cavours Pläne änderten sich. Beim Treffen in Plombières 1858 befürwortete er noch keinen einheitlichen Staat für die gesamte Halbinsel. Er akzeptierte einen Vorschlag, Italien in drei große Staaten aufzuteilen. Das spätere Königreich von 1861 unterschied sich daher von der Ordnung, der er bei diesem Treffen zugestimmt hatte.
Die institutionelle Nummerierung bewahrte die Verbindung zu Sardinien. Die erste Legislaturperiode des Königreichs Italien erhielt die Nummer VIII statt I. Beim Proklamationsgesetz verlief die Nummerierung anders: Es wurde zunächst als sardisches Gesetz Nr. 4671 erlassen und wenige Tage später zum italienischen Gesetz Nr. 1.
FAQ
War Turin schon vor dem Erwerb Sardiniens die Hauptstadt?
Ja. Turin wurde 1563 zur savoyischen Hauptstadt. Sardinien wurde 1720 erworben. Das Regierungszentrum bestand also bereits.
War Cagliari ebenfalls eine Hauptstadt?
Ja. Cagliari war die Hauptstadt der Insel und Sitz des Vizekönigs. Von 1798 bis 1814 wurde die Stadt außerdem vorübergehend zum tatsächlichen Regierungszentrum der Monarchie.
Führte die Verfassung von 1848 das allgemeine Wahlrecht ein?
Nein. Das Wahlrecht für die Abgeordnetenkammer war Männern vorbehalten, die bestimmte Vermögensanforderungen erfüllten. Die Senatoren wurden vom König auf Lebenszeit ernannt.
Was markierte formal die Gründung des Königreichs Italien?
Das Gesetz vom 17. März 1861 verlieh Viktor Emanuel II. und seinen Nachfolgern den Titel König von Italien. Das erste italienische Parlament war bereits am 18. Februar in Turin eröffnet worden.
Quellen
- Musei Reali Torino — Unsere Geschichte museireali.cultura.gov.it
- MuseoTorino — Turin: Geschichte einer Stadt museotorino.it
- Wikipedia — Königreich Sardinien (1720–1861)) en.wikipedia.org
- SardegnaCultura — Sa Die de sa Sardigna sardegnacultura.it
- Italienisches Kulturministerium, SIAS — Königreich Sardinien, 1814–1861 sias-archivi.cultura.gov.it
- Italienischer Senat — Die Geschichte des Senats senato.it
- Historisches Archiv der Abgeordnetenkammer — Gesetzentwürfe und Gesetzesvorschläge archivio.camera.it
- VIVE — Viktor Emanuel II. und der Prozess des Risorgimento vive.cultura.gov.it
- MuseoTorino — Die Politik des Connubio; Cavour als Ministerpräsident museotorino.it
- Treccani — Cavour, Camillo Benso, Graf von treccani.it
- MuseoTorino — Die großen Reformen des Staatsapparats und der Infrastruktur museotorino.it
- Italienisches Kulturministerium, SIAS — Historischer Kontext, 1859–1860 sias-archivi.cultura.gov.it
- Italienischer Senat — Historischer Kontext der italienischen Einigung senato.it
- Museo Civico Siena — Das Treffen von Teano museocivico.comune.siena.it
- MuseoTorino — Die italienische Einigung museotorino.it
- Italienischer Senat — VIII. Legislaturperiode senato.it
- Italienischer Senat — Gesetzentwurf Nr. 198, historische Erläuterung senato.it
FAQ
Warum wurde das Königreich Sardinien von Turin aus regiert?
Turin war seit 1563 die Hauptstadt des Hauses Savoyen. Als die Dynastie 1720 Sardinien erwarb, blieben ihr Hof und die zentrale Staatsgewalt in Turin. Cagliari war die Hauptstadt der Insel und Sitz des Vizekönigs.
Gehörten zum Königreich Sardinien auch Gebiete auf dem Festland?
Ja. Sardinien, Savoyen, Piemont und Nizza hatten einen gemeinsamen Herrscher. Bis 1847 behielten sie jedoch getrennte Rechts- und Verwaltungsordnungen. Der sardische Königstitel gab der gesamten Monarchie ihren Namen.
War Cagliari jemals das Regierungszentrum der Monarchie?
Ja. Während der französischen Besetzung Turins von 1798 bis 1814 flüchteten die savoyischen Herrscher nach Sardinien. Cagliari wurde vorübergehend ihr tatsächliches Regierungszentrum.
Wann wurde aus dem Königreich Sardinien das Königreich Italien?
Am 17. März 1861 legte das sardische Gesetz Nr. 4671 fest, dass Viktor Emanuel II. und seine Nachfolger den Titel König von Italien führen würden.
Image: Kingdom of Sardinia 1815 (location).png — Bukkia, CC BY-SA 4.0






