Wenn du eine Reise in die Osttürkei planst, wirst du schnell zwei Namen für Tunceli hören: Tunceli und Dersim. Sie bezeichnen nicht genau dasselbe. Hier erfährst du, wie sich die Geschichte der Region entwickelte, woher die beiden Namen stammen und welche Spuren du vor Ort noch sehen kannst.
Tuncelis Geschichte im Überblick
Die Stadt Tunceli, die du heute besuchen kannst, ist jung. Sie wurde in der Republikzeit gegründet, nahe dem Zusammenfluss von Munzur und Pülümür und rund um das Dorf Mameki. Die Siedlungsgeschichte ihres Umlands reicht viel weiter zurück.
Am Siedlungshügel Pulur-Sakyol bei Çemişgezek fanden zwischen 1968 und 1970 Ausgrabungen statt. Sie brachten Siedlungsspuren aus der Kupferzeit ans Licht. Hier lebten also schon Menschen, lange bevor irgendein Staat das Gebiet Dersim oder Tunceli nannte.
Die folgenden Abschnitte führen dich chronologisch durch die Geschichte: von den frühen Siedlungsschichten über die osmanischen Jahrhunderte und die Provinzgründung bis in die neuere Zeit.
Tunceli und Dersim: zwei Namen, zwei Landkarten
Der historische Bezirk Dersim hatte sein Zentrum in Hozat. Seine Grenzen veränderten sich im Lauf der Zeit. Sie deckten sich nicht vollständig mit den Grenzen der heutigen Provinz Tunceli.
Wenn du in einer alten Quelle über Dersim liest, kannst du deshalb nicht voraussetzen, dass sie die heutige Provinz beschreibt. Dasselbe gilt umgekehrt. Behalte das im Hinterkopf, wenn du Bücher, Karten und Museumstexte vergleichst.
Woher kommt der Name Dersim?
Eine allgemein anerkannte Antwort gibt es nicht. Das türkische Kulturportal nennt zwei Theorien:
- „Silbernes Tor“. Eine Erklärung zerlegt den Namen in die Wörter „der“ und „sim“. Zusammen ergeben sie „silbernes Tor“.
- Die Bevölkerung von Deylem. Die andere stellt eine Verbindung zur Bevölkerung von Deylem her, einer Region südlich des Kaspischen Meeres.
Das Portal stellt beide Erklärungen als Theorien vor. Verstehe sie deshalb als Deutungsversuche, nicht als gesicherte Tatsachen.
Woher kommt der Name Tunceli?
Tunceli ist ein türkischer Name. Die englischsprachige Wikipedia leitet ihn vom türkischen „tunç eli“ ab und übersetzt dies als „Bronzefaust“. Die Provinzdirektion für Kultur und Tourismus deutet denselben Namen sanfter: als das Land, in dem Menschen leben, die so stark wie Bronze sind.
Beide Deutungen beruhen auf dem Wort „tunç“, also Bronze. Ihr Ton unterscheidet sich. Die eine zeichnet das Bild einer Faust, die andere beschreibt die Menschen.
Osmanische Herrschaft: zwei Wendepunkte
Die Provinzdirektion für Kultur und Tourismus nennt zwei Wendepunkte für die osmanische Herrschaft in der Region. Der erste ist die Schlacht von Otlukbeli im Jahr 1473. Der zweite ist die Schlacht bei Tschaldiran im Jahr 1514. Ihr ging eine kurze Phase safawidischer Herrschaft voraus.
Die Verwaltungsgeschichte lässt sich anhand der Jahreszahlen gut nachvollziehen. 1847 wurde Dersim zu einem Bezirk (Liva) mit Zentrum in Hozat und Erzurum angegliedert. 1879 wurde es eine eigenständige Provinz (Vilâyet).
Erhaltene Bauwerke aus früheren Jahrhunderten
Mehrere Bauwerke machen diese Jahrhunderte für dich vor Ort greifbar.
- Elti-Hatun-Moschee (Elti Hatun Camii), Mazgirt. Sie stammt aus dem Jahr 1252. Ihr rechteckiger Gebetsraum hat an der Nordseite eine Vorhalle, die an allen vier Seiten geschlossen ist.
- Yelmaniye-Moschee (Yelmaniye Camii), Çemişgezek. Taceddin Yelman ließ sie zur Zeit Timurs als Medrese errichten. Später wurde sie in eine Moschee umgewandelt.
- Süleymaniye-Moschee (Süleymaniye Camii), Çemişgezek. Sie besitzt keine Bauinschrift. Deshalb ist ihr genaues Baudatum unbekannt. Die Direktion ordnet sie vorsichtig dem 15.-16. Jahrhundert zu.
- Tahar-Brücke (Tahar Köprüsü). Sie liegt etwa 3 Kilometer von Çemişgezek entfernt. Laut ihrer Inschrift ließ Yusuf Ziya Pascha sie 1807 erbauen. Ein einzelner Spitzbogen überspannt den Tahar-Bach. Die Brücke ist 55 Meter lang, 9 Meter hoch und 4,3 Meter breit.
- Burg Pertek (Pertek Kalesi). Ihr Baudatum ist unbekannt. In osmanischer Zeit wurde sie instand gesetzt. Sie besitzt zwei ineinanderliegende Mauerringe. Das Gelände um ihren Hügel am Fluss Murat liegt heute unter dem Wasser des Keban-Stausees. Deshalb steht die Burg inzwischen auf einer Insel.
Die Gründung der Provinz Tunceli
Die moderne Provinz entstand durch ein Gesetz. Am 25. Dezember 1935 wurde mit dem Gesetz Nr. 2885 die Provinz Tunceli gegründet. Der Sitz der Provinzverwaltung blieb vorübergehend in Elazığ.
Am selben Tag wurde das Gesetz über die Verwaltung der Provinz Tunceli (Nr. 2884) verabschiedet. Es erschien am 2. Januar 1936 in Ausgabe 3195 des Amtsblatts.
Das dauerhafte Zentrum wurde später festgelegt. Das Gesetz Nr. 4993 vom 30. Dezember 1946 bestimmte Kalan, auch Mamekiye genannt, zum Provinzzentrum.
Ein Vergleich aus dem Alltag hilft: Stell dir ein Unternehmen vor, das seine Zentrale in einer anderen Stadt angemietet hat, während das eigene Gebäude noch gebaut wird. So war die Lage der Provinz Tunceli über Jahre hinweg. Dabei überschnitten sich die Funktionen vor Ort, wie eines der Details gegen Ende dieses Artikels zeigt.
Der Militärfeldzug von 1937-1938
Dies ist das schmerzhafteste Kapitel der neueren Regionalgeschichte. Es wird dir auch in Gesprächen begegnen. Eine von Sciences Po veröffentlichte historische Studie hält fest, dass die Militäroperation in Dersim von März 1937 bis September 1938 mit dem Tod Tausender Zivilisten endete.
Die Bezeichnung dieser Ereignisse ist umstritten. Militärische Darstellungen aus jener Zeit verwendeten den Begriff „Strafoperation“. Die Studie von Sciences Po hält angesichts der massenhaften Tötung von Zivilisten das Wort „Massaker“ für historisch angemessen.
Wenn du mit Einheimischen sprichst, höre zunächst zu. In ihrer Wortwahl steckt Geschichte.
Nationalpark Munzur-Tal
Auch die Natur gehört zur Identität Tuncelis. Der Nationalpark Munzur-Tal (Munzur Vadisi Milli Parkı) wurde am 21. Dezember 1971 ausgewiesen. Das Nationalparkregister gibt seine Fläche mit 42.674 Hektar an.
In den oberen Abschnitten des Mercan-Tals liegen Gletscherseen. In der Ovacık-Ebene gibt es Quellen. Entlang des Tals finden sich kleine Wasserfälle.
Museum Tunceli
Das Museum Tunceli (Tunceli Müzesi) öffnete am 24. Dezember 2020 für Besucher. Sein Gebäude wurde 1935-1937 errichtet und bis 1949 als Kaserne genutzt.
Wenn du die Zusammenhänge an einem Ort verstehen möchtest, beginne hier. Das Gebäude stammt aus denselben Jahren wie die Gründung der Provinz.
Zeittafel
- Kupferzeit: Die Funde von Pulur-Sakyol belegen eine frühe Besiedlung.
- 1252: Die Elti-Hatun-Moschee in Mazgirt wird erbaut.
- 1473: Schlacht von Otlukbeli; die osmanische Herrschaft entwickelt sich in der Region.
- 1514: Nach der Schlacht bei Tschaldiran wird die osmanische Herrschaft wiederhergestellt.
- 1807: Yusuf Ziya Pascha lässt die Tahar-Brücke errichten.
- 1847: Der Bezirk Dersim mit Zentrum in Hozat wird Erzurum angegliedert.
- 1879: Dersim wird eine eigenständige Provinz.
- 25. Dezember 1935: Die Gesetze zur Gründung und Verwaltung der Provinz Tunceli werden verabschiedet.
- 1937-1938: Militäroperation in Dersim; Tausende Zivilisten sterben.
- 30. Dezember 1946: Kalan wird als Provinzzentrum festgelegt.
- 1968-1970: Ausgrabungen am Siedlungshügel Pulur-Sakyol.
- 21. Dezember 1971: Das Munzur-Tal wird zum Nationalpark erklärt.
- 24. Dezember 2020: Das Museum Tunceli öffnet für Besucher.
Details, die du nicht in Reiseführern findest
- Zwei Gouverneure, eine Stadt. Während das Zentrum von Tunceli aufgebaut wurde, übten sowohl der Gouverneur von Elazığ als auch der Gouverneur von Tunceli ihr Amt in Elazığ aus.
- Säulen, die sich drehen. An der Yelmaniye-Moschee in Çemişgezek können sich die achteckigen, verzierten Säulen beiderseits des Prunkportals um ihre eigene Achse drehen.
- Stein für Stein versetzte Moscheen. Wegen des Keban-Staudamms wurden die Sungur-Bey-Moschee (Sungur Bey Camii) und die Çelebi-Ağa-Moschee (Çelebi Ağa Camii) in Pertek abgetragen. Ihre Steine wurden dabei nummeriert. Anschließend errichtete die Restaurierungsabteilung der Technischen Universität des Nahen Ostens, METU (ODTÜ), beide Moscheen an neuen Standorten wieder.
- Familien im späteren Museum. Bevor das Gebäude zum Museum wurde, lebten dort etwa 65 Familien. Sie wohnten dort von den 1990er-Jahren bis Februar 2015. Dann begannen die Umbauarbeiten für das Museum.
- Zwei Gedenktage im Dezember und November. Der Veranstaltungskalender der Direktion führt den 17. Dezember als Tag der Befreiung des Bezirks Pülümür von feindlicher Besatzung auf, nicht des Provinzzentrums. Am 17. November wird an Atatürks Ankunft in Pertek erinnert.
FAQ
Wann wurde die Provinz Tunceli gegründet?
Das Gesetz zur Gründung der Provinz (Nr. 2885) wurde am 25. Dezember 1935 verabschiedet. Der Sitz der Provinzverwaltung blieb vorübergehend in Elazığ.
Was bedeutet der Name Tunceli?
Der Name wird aus dem türkischen „tunç eli“ erklärt. Die englischsprachige Wikipedia übersetzt dies als „Bronzefaust“. Die Provinzdirektion deutet ihn als das Land, in dem Menschen leben, die so stark wie Bronze sind.
Sind Dersim und Tunceli dasselbe?
Nicht ganz. Das historische Dersim hatte sein Zentrum in Hozat. Seine wechselnden Grenzen deckten sich nicht vollständig mit denen der heutigen Provinz Tunceli.
Woher stammt der Name Dersim?
Das türkische Kulturportal nennt zwei Theorien: „silbernes Tor“, abgeleitet aus „der“ und „sim“, sowie eine Verbindung zur Bevölkerung von Deylem südlich des Kaspischen Meeres.
Wann erhielt Tunceli sein heutiges Zentrum?
Das Gesetz Nr. 4993 vom 30. Dezember 1946 legte Kalan, auch Mamekiye genannt, als Zentrum fest. Die Stadt entstand nahe dem Zusammenfluss von Munzur und Pülümür rund um das Dorf Mameki.
Quellen
- TDV-Enzyklopädie des Islam – Tunceli islamansiklopedisi.org.tr
- Türkisches Kulturportal – Tunceli kulturportali.gov.tr
- Türkisches Kulturportal – Burg Pertek kulturportali.gov.tr
- Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Tunceli – Geschichte tunceli.ktb.gov.tr
- Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Tunceli – Moscheen und Mausoleen tunceli.ktb.gov.tr
- Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Tunceli – Tahar-Brücke tunceli.ktb.gov.tr
- Provinzdirektion für Kultur und Tourismus Tunceli – Lokale Veranstaltungen tunceli.ktb.gov.tr
- Gouverneursamt Tunceli – Kultur und Geschichte tunceli.gov.tr
- Wikipedia – Provinz Tunceli en.wikipedia.org
- Vikipedi – Tunceli tr.wikipedia.org
- TBMM – Verzeichnis der Gesetze und Sitzungsprotokolle www5.tbmm.gov.tr
- Sciences Po – Massaker von Dersim, 1937-1938 sciencespo.fr
- Ministerium für Kultur und Tourismus DÖSİMM – Tunceli dosim.ktb.gov.tr
- Ministerium für Land- und Forstwirtschaft – Nationalpark Munzur-Tal ekotaban.tarimorman.gov.tr
Image: Pertek Burg2.jpg — Ingeborg Simon, CC BY-SA 4.0
