Vielleicht hast du schon gehört, die Aborigines Australiens seien die älteste lebende Kultur der Welt. Das klingt eindrucksvoll. Es vereinfacht aber auch. Hier erfährst du, was die Forschung über ihre Herkunft, ihre Sprachen und ihre Kunst sagt. Außerdem geht es darum, welchen Preis sie für die britische Kolonisierung zahlten.
Aborigines Australiens: Was bedeutet die Bezeichnung?
Die Bezeichnung „Aborigines Australiens“ umfasst die indigenen Völker des australischen Festlands und vieler seiner Inseln. Die Torres-Strait-Insulaner sind kulturell und ethnisch eigenständig. Deshalb werden sie gesondert erfasst. Das englische Wort „Aboriginal“ geht auf die lateinischen Wörter ab und origine zurück.
Eine einheitliche Kultur der Aborigines gibt es nicht. Historisch bildeten ihre Völker etwa 500 sprachliche und regionale Gruppen. „Eine der ältesten kontinuierlich bestehenden Kulturen der Welt“ trifft es deshalb besser als „die älteste lebende Kultur“.
Woher stammen die Aborigines Australiens?
Die bekannteste Antwort liefert Madjedbebe. Dieser Felsüberhang aus Sandstein liegt im Arnhemland im australischen Northern Territory. Er befindet sich auf dem traditionellen Land der Mirarr. Früher war die Fundstätte als Malakunanja II bekannt.
2017 veröffentlichten Chris Clarkson und seine Kollegen einen Aufsatz in Nature. Darin vertraten sie die Auffassung, dass dort bereits vor etwa 65.000 Jahren Menschen lebten. Daher stammt die Angabe „65.000 Jahre“.
Die Datierung ist umstritten. James O’Connell und seine Kollegen argumentierten 2018, die Werkzeuge aus Madjedbebe könnten nach ihrer Herstellung in ältere Sandschichten abgesunken sein. Sie sprachen sich für eine Besiedlung Sahuls vor etwa 50.000 Jahren aus. Sahul ist die Landmasse aus Australien und Neuguinea.
Eine Studie von 2025 in Science Advances wies in die andere Richtung. Sie untersuchte 2.456 mitochondriale Genome. Ihr zufolge wurde Sahul vor etwa 60.000 Jahren über mindestens zwei getrennte Routen besiedelt.
Der Forschungsstand lässt sich so zusammenfassen: Die Besiedlung liegt sehr weit zurück. Über ihren genauen Beginn wird weiterhin wissenschaftlich gestritten.
Zeitleiste
- Vor etwa 65.000 Jahren: Beginn der menschlichen Besiedlung von Madjedbebe nach der Deutung des Ausgrabungsberichts von 2017. Die wissenschaftliche Debatte dauert an.
- Vor mindestens 6.600 Jahren: So weit reicht die dokumentierte Geschichte des Aquakultursystems der Gunditjmara in Budj Bim zurück.
- 26. Januar 1788: Arthur Phillip gründet eine britische Sträflingssiedlung in Sydney Cove.
- April 1789: Eine Pockenepidemie verwüstet indigene Gemeinschaften rund um Sydney.
- 1910–1970: Zeitraum, für den der Bericht Bringing Them Home das Ausmaß der gewaltsamen Wegnahme indigener Kinder schätzte.
- 1962: Aborigines und Torres-Strait-Insulaner erhalten das Wahlrecht bei Wahlen auf Bundesebene.
- 27. Mai 1967: 90,77 Prozent der Abstimmenden unterstützen die Verfassungsänderungen zu den Aborigines.
- 1971: Die Flagge der Aborigines wird erstmals verwendet. Die Malereibewegung von Papunya beginnt.
- 1972: Die Künstlerkooperative Papunya Tula Artists wird gegründet.
- 3. Juni 1992: Das Mabo-Urteil erkennt den indigenen Landrechtstitel Native Title an.
- 1997: Der Bericht Bringing Them Home erscheint.
- 13. Februar 2008: Premierminister Kevin Rudd entschuldigt sich bei den Gestohlenen Generationen.
- 2017: Die Datierung von Madjedbebe auf ungefähr 65.000 Jahre wird in Nature veröffentlicht.
- 2025: Eine Untersuchung von 2.456 mitochondrialen Genomen stützt eine Besiedlung Sahuls vor etwa 60.000 Jahren.
Geschichte der Aborigines: der Preis der Kolonisierung
Am 26. Januar 1788 errichteten die Briten unter Arthur Phillip eine Sträflingssiedlung in Sydney Cove. Danach kamen Krankheiten. Etwa 15 Monate nach der Ankunft der First Fleet begann im April 1789 eine Pockenepidemie. Sie traf die indigenen Gemeinschaften rund um Sydney schwer.
Es folgte Gewalt. Die Datenbank der University of Newcastle zu Massakern an der kolonialen Siedlungsgrenze verzeichnet 10.374 Menschen, die bei Massakern von Kolonisatoren an Aborigines und Torres-Strait-Insulanern getötet wurden. Die Datenbank bezeichnet diese Zahl als vorsichtige Mindestschätzung.
Die Aborigines wichen nicht einfach zurück. Henry Reynolds untersucht in seinem Buch The Other Side of the Frontier ihren Widerstand gegen die britische Besiedlung und Invasion ab 1788. Das Buch erschien erstmals 1981 bei der James Cook University.
Hinzu kam die Wegnahme von Kindern. Der Bericht Bringing Them Home von 1997 schätzte, dass zwischen 1910 und 1970 jedes zehnte bis jedes dritte indigene Kind gewaltsam von seiner Familie und Gemeinschaft getrennt wurde. Am 13. Februar 2008 entschuldigte sich Premierminister Kevin Rudd offiziell bei den Aborigines und Torres-Strait-Insulanern. Dabei wandte er sich besonders an die Gestohlenen Generationen. Die Entschuldigung galt der gewaltsamen Wegnahme von Kindern und der Assimilationspolitik.
Sprachen der Aborigines
Vor der britischen Kolonisierung wurden in Australien mehr als 250 indigene Sprachen und etwa 800 Dialekte gesprochen. Die Kolonisierung zerriss dieses Netz von Sprachen.
Die dritte nationale Erhebung zu indigenen Sprachen, der Third National Indigenous Languages Survey (2018–2019), erfasste noch 123 gesprochene indigene Sprachen. Davon waren 109 gefährdet.
Kunst der Aborigines
Die Kunst der Aborigines hat tiefe Wurzeln. Ein modernes Kapitel lässt sich genau datieren. 1971 begannen Aborigine-Künstler in Papunya, traditionelle Muster mit Acrylfarbe auf kleine Malplatten zu übertragen. 1972 gründeten sie die Künstlerkooperative Papunya Tula Artists.
Wenn du schon einmal in einer Galerie vor einem Punktgemälde gestanden hast, kennst du ein Werk dieser Kunstrichtung. Die Farbe ist modern. Die Muster stammen aus der Tradition.
Flagge der Aborigines
Die Flagge der Aborigines entwarf Harold Thomas, ein Künstler der Luritja. Sie wurde erstmals 1971 verwendet. 1995 wurde sie als eine der offiziellen Flaggen Australiens anerkannt.
Die Farben haben eine Bedeutung. Schwarz steht für die Aborigines. Rot steht für die Erde. Der gelbe Kreis in der Mitte steht für die Sonne.
Bevölkerung: Wie viele Aborigines gibt es und wo leben sie?
Bei der Volkszählung 2021 bezeichneten sich 742.882 Menschen ausschließlich als Aborigines. Weitere 33.765 bezeichneten sich ausschließlich als Torres-Strait-Insulaner. 36.083 gaben an, beiden Gruppen anzugehören.
Die meisten leben nicht im abgelegenen Outback. 2021 lebten 85 Prozent der Aborigines und Torres-Strait-Insulaner in Städten und regionalen Gebieten. Nur 15 Prozent lebten in abgelegenen Gebieten.
Aborigines heute
Amtliche Zahlen zeigen eine große Kluft. Für 2020–2022 lag die Lebenserwartung bei Geburt für männliche Aborigines und Torres-Strait-Insulaner bei 71,9 Jahren und für weibliche bei 75,6 Jahren. Bei Männern waren das 8,8 Jahre weniger als bei nichtindigenen Australiern. Bei Frauen betrug der Unterschied 8,1 Jahre.
Auch rechtlich gab es Veränderungen, wenn auch langsam. Das Mabo-Urteil vom 3. Juni 1992 erkannte die traditionellen Landrechte der Meriam aus der Torresstraße an. Es bestätigte, dass Native Title im australischen Recht existiert. Außerdem verwarf es die Vorstellung von terra nullius: die Behauptung, das Land habe niemandem gehört.
Sind Aborigines schwarz? Und warum haben manche blonde Haare?
Die Hautfarbe entscheidet nicht über die Identität. Die University of Technology Sydney erklärt, dass Mitglieder derselben Aborigine-Familie unterschiedliche Hautfarben haben können. Ob jemand Aborigine ist, lässt sich nicht an der Hautfarbe festmachen.
Auch helles Haar wurde untersucht. 1953 veröffentlichten A. A. Abbie und W. R. Adey im American Journal of Physical Anthropology eine Studie zur Pigmentierung. Ihr besonderer Schwerpunkt war helles Kopfhaar in einer indigenen Gemeinschaft Zentralaustraliens.
Aborigines und IQ
Hier solltest du genau hinsehen. 1981 untersuchte Judith Kearins Aborigine-Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren aus Wüstenregionen. Bei bestimmten Aufgaben zum visuell-räumlichen Gedächtnis schnitten sie besser ab als weiße australische Kinder. Dieses Ergebnis sagt nichts über den allgemeinen IQ eines Volkes aus.
Details, die du in Reiseführern nicht findest
- Ein Werkzeugsatz aus Madjedbebe. Zu den Funden, die der Aufsatz von 2017 auf etwa 65.000 Jahre datiert, gehören Mahlsteine, bearbeiteter Ocker, reflektierende Zusätze und Beilköpfe mit geschliffenen Schneiden.
- Aalwirtschaft in Budj Bim. In Victoria bauten die Gunditjmara über mindestens 6.600 Jahre hinweg Kanäle, Wehre und Dämme aus Vulkangestein. Mit diesem System fingen und hielten sie Kurzflossenaale.
- Regeln für die Malerei in Papunya. In den ersten Gemälden wurde kulturelles Wissen sichtbar, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Nach Einwänden aus der Gemeinschaft änderten die Künstler ihren Stil. Sie begannen, geheime oder heilige Informationen zu verbergen.
- Der Mythos um 1967. Viele Menschen behaupten, das Referendum von 1967 habe den Aborigines das Wahlrecht gebracht. Das stimmt nicht. Das Wahlrecht bei Wahlen auf Bundesebene wurde 1962 gesetzlich verankert. Das Referendum von 1967 hob den verfassungsrechtlichen Ausschluss aus der Bevölkerungszählung auf. Außerdem erweiterte es die Befugnis des Bundesparlaments, Gesetze über Aborigines zu erlassen.
Häufige Fragen
Sind die Aborigines Australiens die älteste lebende Kultur der Welt?
Nicht als eine einzige Kultur. Die Aborigines bildeten etwa 500 sprachliche und regionale Gruppen. „Eine der ältesten kontinuierlich bestehenden Kulturen der Welt“ ist die treffendere Formulierung.
Wie viele Aborigines gibt es in Australien?
2021 bezeichneten sich 742.882 Menschen ausschließlich als Aborigines, 33.765 ausschließlich als Torres-Strait-Insulaner und 36.083 als Angehörige beider Gruppen.
Wo leben die Aborigines Australiens?
Überwiegend in Städten und regionalen Gebieten. 2021 waren es 85 Prozent. Die übrigen 15 Prozent lebten in abgelegenen Gebieten.
Was bedeuten die Farben der Flagge?
Schwarz steht für die Aborigines, Rot für die Erde und der gelbe Kreis für die Sonne.
Entscheidet die Hautfarbe darüber, wer Aborigine ist?
Nein. Menschen derselben Familie können unterschiedliche Hautfarben haben. Die Identität wird nicht durch die Hautfarbe bestimmt.
Quellen
- Türkische Wikipedia — Aborigines Australiens tr.wikipedia.org
- Wikipedia — Aborigines Australiens en.wikipedia.org
- Nature — Menschliche Besiedlung Nordaustraliens bereits vor 65.000 Jahren nature.com
- PNAS — Wann erreichte Homo sapiens erstmals Südostasien und Sahul? pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Science Advances — Genomische Befunde stützen die lange Chronologie der Besiedlung Sahuls pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Wikipedia — Madjedbebe en.wikipedia.org
- UNESCO — Kulturlandschaft Budj Bim whc.unesco.org
- National Archives of Australia — Verdrängung und Wiederbelebung indigener Sprachen naa.gov.au
- National Museum of Australia — Papunya Tula nma.gov.au
- National Museum of Australia — Flaggen nma.gov.au
- National Museum of Australia — Sträflinge als Fracht nma.gov.au
- National Museum of Australia — Pockenepidemie nma.gov.au
- University of Newcastle — Statistik zu Massakern an der kolonialen Siedlungsgrenze c21ch.newcastle.edu.au
- Australian Human Rights Commission — Bringing Them Home: Leitfaden für die Gemeinschaften humanrights.gov.au
- National Museum of Australia — Nationale Entschuldigung nma.gov.au
- National Archives of Australia — Das Referendum von 1967 naa.gov.au
- National Museum of Australia — Mabo-Urteil nma.gov.au
- Australian Bureau of Statistics — Volkszählung 2021: QuickStats abs.gov.au
- Australian Institute of Health and Welfare — Angehörige der First Nations aihw.gov.au
- Australian Bureau of Statistics — Lebenserwartung von Aborigines und Torres-Strait-Insulanern abs.gov.au
- University of Technology Sydney — Vielfalt der indigenen Bevölkerung Australiens uts.edu.au
- PubMed — Pigmentierung in einem zentralaustralischen Stamm unter besonderer Berücksichtigung hellen Kopfhaars pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Cognitive Psychology — Visuell-räumliches Gedächtnis bei Aborigine-Kindern aus australischen Wüstenregionen doi.org
- Wikipedia — The Other Side of the Frontier en.wikipedia.org
FAQ
Sind die Aborigines Australiens die älteste lebende Kultur der Welt?
Nicht als eine einzige Kultur. Die Aborigines bildeten historisch etwa 500 sprachliche und regionale Gruppen. Treffender ist es, von einigen der ältesten kontinuierlich bestehenden Kulturen der Welt zu sprechen. Die Angabe von 65.000 Jahren stammt aus den Ausgrabungen in Madjedbebe und ist weiterhin umstritten.
Wie viele Aborigines gibt es in Australien?
Bei der Volkszählung 2021 bezeichneten sich 742.882 Menschen ausschließlich als Aborigines, 33.765 ausschließlich als Torres-Strait-Insulaner und 36.083 als Angehörige beider Gruppen.
Wo leben die Aborigines Australiens?
2021 lebten 85 Prozent der Aborigines und Torres-Strait-Insulaner in Städten und regionalen Gebieten. 15 Prozent lebten in abgelegenen Gebieten.
Image: Aboriginal rock art, Nourlangie Rock, Kakadu – panoramio.jpg — AwOiSoAk KaOsIoWa, CC BY-SA 3.0
